Als Alexandra Kollontai am 9. März 1952 verstarb, nahm die Weltöffentlichkeit keinerlei Notiz von ihrem Tod. In der UdSSR weigerte sich die gesamte Presse, einen Nachruf auf Kollontai zu verfassen. Im Grunde war das kein Wunder, war die gesamte sowjetische Presselandschaft durch die politische Konterrevolution Stalins in den zwanziger Jahren doch gleichgeschaltet worden. Kollontai war längst keine Person mehr, an die man sich erinnern sollte, also sparte man sich jeden Kommentar.

Dabei ist Kollontais Leben eng verbunden mit der Revolution in Russland und der internationalen ArbeiterInnenbewgung, die Kollontai so häufig kritisiert hatte, weil sie sich für das Leben der Arbeiterinnen viel zu wenig interessieren würde, so Kollontais Wahrnehmung und weil sie zu wenig für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern kämpfen würde. „Ohne Sozialismus keine Gleichstellung der Frau und ohne Gleichstellung der Frau kein Sozialismus“, so ihr ebenso oft wiederholter wie einprägsamer Merksatz.

Kollontais Leben war nicht ohne Widersprüche: Sie entstammte der russischen Upperclass und stellte sich auf die Seite der Unterdrückten; sie konnte sich zwischen Menschewiki und Bolschewiki lange nicht entscheiden, aber brannte von aktionistischer Ungeduld; sie war eine aufrechte Revolutionärin und reihte sich dennoch in Stalins Parteiflügel ein.

Kollontai hätte es in ihrem Leben wesentlich leichter haben können. Ihr Vater war ein Militär im Generalsrang und entsprechend wuchs sie in einem Herrenhaus in St. Petersburg heran. Umgeben von Dienstboten, Köchen und Kindermädchen erblickte sie im März 1872 das Licht der Welt. Während sie in schönen Kleidern behütet im Garten spielte; rafften Hunger, Krankheiten und Verwahrlosung ungezählte Kinder aus Arbeiter- und Bauernhaushalten dahin, ohne dass davon überhaupt Notiz genommen wurde. Kollontais Schulbildung war exzellent; während dessen konnten 75 Prozent der russischen Bevölkerung bestenfalls den eigenen Namen schreiben.

Renommierte Privatlehrer unterwiesen das wissbegierige Mädchen in Literatur und Mathematik. Neben ihrer Muttersprache lernte Kollontai Finnisch, Englisch, Französisch – die Sprache der europäischen Herrenhäuser war ein Muss in jener Klasse, der Kollontai entstammte – und Deutsch. Wie es sich für Familien wie jener von Alexandra Kollontai gehörte, hielten die Eltern bereits Ausschau nach einem adligen Gatten für ihre junge Tochter.

Nur wenig deutete daraufhin, dass ihr Leben anders verlaufen sollte, als von allen erwartet und verlangt. Vielleicht war es ihr jugendlicher Dickschädel, der Alexandra Kollontai das für sie vorgeplante Leben wenig empfänglich machte. Vielleicht nervten die junge Frau aber auch einfach die ellenlangen Verhaltensvorschriften, denen sie sich auf all den Bällen und in den Theaterbesuchen zu unterwerfen hatte, die man für sie organisiert hatte, einfach zu dem Zweck einen „guten“ Ehemann zu finden, was auch immer in diesem Zusammenhang „gut“ bedeuten sollte. Vielleicht war es ja auch nur die Begegnung mit ihrem Vetter, in den sie sich auf Anhieb verliebte.

Wladimir Kollontai war polnischer Abstammung, im zaristischen Russland war das schon Grund genug für Ablehnung und Hass. Noch dazu war Wladimir Kollontai auch noch weitgehend mittellos – ganz anders als die junge Frau aus gutem Hause, deren Eltern die Hände über den Köpfen zusammenschlugen, ob der Partnerwahl ihrer geliebten Alexandra. Sie ließen nichts unversucht, um die nicht ebenbürtige Beziehung der beiden zu beenden, doch der Dickschädel Alexandras setzte sich durch. Schon 1893 läuteten die Hochzeitsglocken und ein Jahr später brachte Alexandra Kollontai ihren Sohn Michail zur Welt.

Die Unerträglichkeit der herrschenden Verhältnisse

Wann und wo Kollontai mit marxistischen Ideen erstmals in Berührung kam ist vielfach diskutiert worden. Häufig wird das Gymnasium in St. Petersburg, wo sie nach Jahren des Hausunterrichts ihren Abschluss machte, genannt. Sicher ist das nicht. Eines jedoch ist unumstritten. Kollontai zeichnete in ihrem ganzen Leben ein ehrliches Mitgefühl mit Armen und Unterdrückten aus. Menschliches Leid empfand sie als eigene Verletzung. Unter den Ungerechtigkeiten, die der Kapitalismus tagtäglich produziert, kann das schon reichen, um auf ewig mit den existierenden Machtverhältnissen zu brechen.

Kollontai selbst beschrieb häufig den Besuch einer estnischen Textilfabrik 1896 als eine Art von Erweckungserlebnis. Was sie dort erlebte, hatte die wohl behütete Alexandra Kollontai noch nie aus der Nähe gesehen.

Die Industrie in Russland wuchs in jenen Jahren rasant. Mit ihr wuchsen Russlands Städte und in ihnen wuchsen ebenso schnell die Klassenunterschiede heran. Nur 5 Prozent der russischen Bevölkerung waren ArbeiterInnen, aber sie produzierten die Hälfte des Nationaleinkommens des Riesenreiches. Die Besitzer der an sich hochmodernen Fabriken waren meistens Ausländer. Eine russische Kapitalistenklasse gab es in dem Sinne des Wortes, bis auf wenige Ausnahmen, nicht. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren erschreckend, ganz egal, ob die Besitzer Russen waren – wie Putilow oder, was weitaus häufiger der Fall war, Engländer oder Franzosen. Noch immer war die russische ArbeiterInnenbewegung schwach, illegal und wurde brutal durch den Staatsapparat des Zaren verfolgt. Für viele Kapitalisten war dies der Grund, in Russland zu produzieren. Sie flohen quasi vor den in ihren Ländern erstarkenden ArbeiterInnenorganisationen ins noch immer absolutistische Russland.

Nichts und niemand konnte sich gegen die erbärmlichen Bedingungen zur Wehr setzen, unter denen die FabrikarbeiterInnen dahinvegetierten. Sogar Familien schliefen vielfach in modrigen Sälen, auf stinkenden Pritschen, von der Arbeit ausgelaugt, unterernährt und oft krank. Viren und Bakterien hatten leichtes Spiel mit den bedauernswerten Geschöpfen, die dort leben mussten.

Niemand hatte Kollontai gezwungen, diese Schlafstätten zu besuchen. Die meisten Menschen ihres Standes vermieden derartige Begegnungen, schon aus Furcht sich mit Seuchen zu infizieren. Kollontai hingegen wollte ihre Augen nicht verschließen. Und was sie sah, erschütterte sie.

Kleine Kinder tapsten verwahrlost die engen Gassen zwischen den Betten entlang. Als sie sich einem mitleiderregenden Jungen widmete, der wie ihr eigener Sohn etwa drei Jahre alt war und still auf seiner Pritsche lag, stellte sie schockiert fest, dass der kleine Junge längst gestorben war. Niemand schien das auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Kollontai verstand, anders als ihre Standesgenossen, dass diese Zustände nicht im mangelnden Mitgefühl plumper und dumpfer Menschen begründet waren, sondern dass die sozialen Verhältnisse Bedingungen schufen, unter denen der Tod auch eines Kindes kaum noch von Interesse ist, weil jede und jeder täglich um sein eigenes Überleben kämpfen musste.

Für Kollontai war dies der Stein, der die Lawine ins Rollen brachte. Sie war nicht bereit diese Situation weiter zu dulden!

Sie verließ ihren Mann und immatrikulierte sich an der Universität in Zürich. Das Studium war jedoch zweitrangig für sie. Längst hatte sie Kontakt zur marxistischen ArbeiterInnenbewegung aufgenommen. Sie las die Klassiker und zeitgenössische Literatur, trat der SDAPR bei und diskutierte mit Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und Luise Kautsky. Die westeuropäische Sozialdemokratie wurde von Kollontai wiederholt mit harten Worten attackiert: Sie interessiere sich einfach zu wenig für das Los der Arbeiterinnen.

Nicht selten von ihrem Sohn begleitet, reiste sie von Frauenkongress zu Frauenkongress durch halb Europa, hielt Reden und publizierte mit zunehmendem Erfolg in der sozialistischen Presse Westeuropas.

Kollontai warnt vor Lenin

Es soll 1905 gewesen sein, als Kollontai erstmals Lenin begegnete. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die junge Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAPR) bereits in Flügelkämpfen zerlegt. Lenin war einer der Hauptprotagonisten und führte den revolutionären Flügel der SDAPR an. Kollontai war durchaus begeistert von Lenins Charisma und seiner Fähigkeit, Probleme tiefgehend zu durchdringen. Dennoch wird sie in den nächsten Jahren zu den Warnern vor Lenin gehören, weil sie seine Aktivitäten als spalterisch ansah. Ihre umfangreichen Beziehungen wird sie mobilisieren und versuchen, den Bolschewiki den Geldhahn zuzudrehen. Sie versucht Spenden durch westeuropäische sozialdemokratische Parteien an die Menschewiki umzuleiten.

Wenn sie auch nie explizit inhaltlich Stellung bezog zum Streit zwischen den zwei Hauptfraktionen innerhalb der SDAPR, bezog sie letzten Endes auf diese Weise dennoch Stellung in dieser Auseinandersetzung.

Dabei war der Streit in der russischen Sozialdemokratie alles anderes als unwichtig, oder nebensächlich und keineswegs nur persönlich motiviert, wie damals so mancher sozialdemokratischer Funktionär im Westen vorschnell urteilte. Die Leninsche Strömung, die Bolschewiki, setzten auf eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft; die Menschewiki hingegen, verfolgten einen reformistischen Ansatz. In jenem Jahr als Kollontai Lenin traf, 1905, wurden beide Positionen in der Praxis getestet. In Russland war Revolution: ArbeiterInnen bildeten Räte, Leo Trotzki leitete den Petersburger Sowjet, Einheiten der Armee liefen zur Revolution über und der Zar musste unter dem Druck der Massen auf den Straßen ein Zugeständnis nach dem anderen einräumen: Ein Parlament, die Duma sollte gewählt werden, ArbeiterInnenorganisationen wurden legalisiert und eine Verfassung mit Grundrechten versprochen. Die Menschewiki verlangten, dass das Proletariat gemeinsam mit der – de facto nicht existenten – kapitalistischen Klasse eine reformistische Transformation des Zarenreichs hinzu einer parlamentarischen Demokratie vornehmen sollte. Im Grunde sollten sich die ArbeiterInnen in ihren Forderungen selbst begrenzen. Diese Strategie war schon deshalb undurchführbar, weil sich die wenigen Kapitalisten Russlands, im Gefühl der eigenen Schwäche, eher an den zaristischen Staatsapparat anlehnten, als mit den ArbeiterInnen, deren potentielle Stärke sie fürchteten, gemeinsam gegen den Absolutismus des Zaren zu kämpfen.

Lenin propagierte damals die „demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern“, da er wusste, dass nur diese beiden Klassen ein Interesse an echten Veränderungen in Russland hatten.

Kollontai beschäftigten diese Fragen nur am Rande. Das war schon insofern eigentümlich, als gerade Arbeiterinnen in Russland über diese Probleme nachdachten und darüber stritten. Kollontais Vorbehalte gegenüber Lenins Positionen versperrten ihr lange Zeit den Weg zum revolutionären Flügel der SDAPR.

Hassliebe mit Lenin

Der argentinische revolutionär Ernesto Che Guevara sagte einmal, er lerne empirisch – durch Erfahrung also. Scheinbar war es bei Alexandra Kollontai genauso. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hielt sich Kollontai gerade in Deutschland auf. Sie war 1908 anlässlich eines Frauenkongresses nach Russland zurückgekehrt. Ihre Rede war derart mutig und revolutionär, dass die im Saal anwesende Geheimpolizei „Ochrana“ sie noch an Ort und Stelle in Haft nehmen wollte. In letzter Minute konnte sich Kollontai der Verhaftung durch Flucht entziehen.

Nun saß sie im kaiserlichen Deutschen Reich fest und weigerte sich – wie ihr Antipode – Lenin, der gerade im Schweizer Exil war, die Meldungen zu glauben, die da über sie hereinbrachen: Die Reichstagsfraktion der SPD trug den Kriegskurs der eigenen Regierung mit. Kein Ausscheren, kein Widerstand mehr, obwohl noch ein paar Wochen zuvor Hunderttausende gegen den drohenden Krieg demonstriert hatte, keine Streiks. Die Führung der SPD marschierte mit und die II. Internationale zerfiel.

Während die Führungen der sozialdemokratischen Parteien – abgesehen von den serbischen und russischen GenossInnen – den Kriegskurs verteidigten und während auch Anarchisten wie Erich Mühsam entschieden für den Krieg trommelten, reihte sich Alexandra Kollontai ins Lager der KriegsgegnerInnen ein. Sie organisierte in Deutschland Antikriegstreffen für Arbeiterinnen. Schnell geriet sie damit ins Visier der Polizei, die – obwohl der Krieg nun lief und man gegen Russland hetzte – mit den zaristischen Behörden zusammenarbeiten und Kollontai nach Russland abschieben wollte, wo ihr Haft und Verbannung drohten. Die Herrschenden arbeiteten selbst in Kriegszeiten gemeinsam gegen die Unterdrückten!

Die persönliche Intervention Karl Liebknechts ermöglichte jedoch Kollontais Ausreise nach Dänemark, von wo sie mit der Zwischenstation Schweden nach Norwegen ging. Dort arbeitete sie unermüdlich an dem Versuch, eine Opposition gegen den Kriegskurs der Führungen der sozialdemokratischen Parteien aufzubauen.

Noch in Norwegen wurde sie – wie noch häufiger in ihrem Leben – ein Opfer der Gerüchteküche. Sie verliebte sich in Alexander Schljapnikow, einen Vertrauten Lenins, der zu dieser Zeit in Norwegen weilte. Gleichzeitig beschäftigte sich Kollontai mit Lenins Positionen zum Krieg. Als sie öffentlich erklärte, dass dessen Idee den Weltkrieg in einen „Weltbürgerkrieg“ umzuwandeln – die Waffen, die sich in der Hand der Massenheere des Krieges befanden, gegen die Herrschenden zu kehren – von ihr geteilt wurde, waren die Schockwellen groß. Und natürlich war die Erklärung, die man allerorten vernahm, ihre Affäre mit Schljapnikow. Dass sich eine Frau aus anderen Gründen für bestimmte politische Positionen entschied, schien einem großen Teil der kriegsbefürwortenden sozialdemokratischen Funktionäre einfach nicht glaubwürdig.

Nach der Februarevolution stürzte sich Kollontai sofort in den Kampf: Sie eilte nach Petrograd und zog Reden haltend von Stadtteil zu Stadtteil und von Betrieb zu Betrieb. Lenins Ankunft aus dem Exil nahm sie als Einschnitt wahr. Sofort ergriff sie Partei für seine „Aprilthesen“, die den Sturz der provisorischen Regierung proklamierten; ebenso wie die Machtergreifung durch die ArbeiterInnen- und Bäuerinnen- und Bauernräten.; Landverteilung an arme Bauernfamilien und ArbeiterInnenkontrolle in den Betrieben. Im Grunde wandte Lenin Trotzkis Theorie der „permanenten Revolution“ an, die proklamierte, dass die Schwäche der Kapitalistenklasse Russlands eine bürgerliche Revolution unter deren Führung unmöglich mache und daher die ArbeiterInnenklasse diese Aufgaben zu übernehmen habe. Diese könne aber bei der Etablierung einer kapitalistischen Gesellschaft nicht stehen bleiben, sondern müsse die Revolution in Permanenz zur sozialistischen weiterentwickeln.

Für Kollontai waren diese Ansichten nun unumstritten. Selbst als Lenin und Trotzki im Juni 1917 die aufstandsbereiten Massen der russischen Hauptstadt bremsten, aus der berechtigten Furcht heraus, die Erhebung komme zu früh, wollte Kollontai davon nichts hören. Als Lenin vom Balkon der Villa Kscheschinskaja, dem Hauptquartier der Bolschewiki aus, den dahin geströmten Massen zurief, der Zeitpunkt zur Erhebung sei noch nicht gekommen, war sie wie viele um sie herum schwer enttäuscht. Sie forderte die Massen auf, dennoch zu handeln. Doch der Zeitpunkt war zu früh. Die Erhebung wurde besiegt, Lenin musste fliehen, Trotzki wurde in die Peter- und Pauls-Festung verschleppt. Auch Kollontai geriet in Haft. Erst der Sieg der Bolschewiki gegen den Putschversuch des zaristischen Generals Kornilow ermöglichte ihre Befreiung.

Nach dem siegreichen Aufstand im Oktober 1917 holte Lenin Kollontai – allen Differenzen zum Trotz – in die erste Sowjetregierung. Im „Rat der Volkskommissare“ war sie zuständig für soziale Wohlfahrt. Kollontai war damit weltweit die erste Frau auf einem Ministerposten. Damit hatte sie nicht nur zahlreiche völlig neue Aufgaben zu bewältigen, sie konnte auch erstmals ihre Ansichten Realität werden lassen.

Öffentliche Küchen wurden eingerichtet, Kindererziehung sollte öffentliche Aufgabe werden. Erstmals wurden in großen Stil reformpädagogische Ansätze erprobt. Ein Schritt, auf den sich die Bildungsministerien der westlichen Welt bis heute nicht einigen konnten. Obwohl ihre Ziele selbst innerhalb der Bolschewiki schwer umstritten und häufig als viel zu weitgehend wahrgenommen wurden, unterstützte Lenin ihre Aktivitäten immer wieder. Und natürlich hieß es im Lager der Revolutionsgegner und des gemäßigten Flügels der ArbeiterInnenbewegung wieder, Kollontai sei Lenins Geliebte.

Sie, die in Wahrheit längst mit Dybenkow, dem 17 Jahre jüngeren Kommandeur der Kronstädter Matrosen liiert war, interessierte das Getuschel wenig. Sie setzte mit Lenins Hilfe die Vereinfachung des Scheidungsrechts durch, beschlagnahmte mit Hilfe der Roten Matrosen Klöster und quartierte ledige Mütter und Waisenkinder dort ein.

Als sie im Januar 1918 gemeinsam mit Dybenkow alles stehen und liegen ließ, um auf der Krim zu heiraten, machte schnell der Ruf von Desertation die Runde. Nicht wenige verlangten für Kollontai und Dybenkow entsprechende Parteistrafen. Lenin intervenierte und glättete die Wogen. Kollontai und Dybenkow entstanden keinerlei Nachteile. Mit nicht wenig spitzer Ironie „verurteilte“ Lenin beide in einem Gespräch hinter verschlossenen Türen zu gegenseitiger fünfjähriger Treue.

Doch auch Lenin gingen Kollontais Ansichten häufig zu weit: Als sie vom Rat der Volkskommissare forderte, gesetzliche Grundlagen für das Zusammenleben in Kommunen zu schaffen, in denen Kinder gemeinsam aufgezogen und freie Liebe praktiziert wurde, soll Lenin wenig begeistert gewesen sein.

Allerdings zeichnete die Sowjetmacht damals aus, dass sie auch Dinge ermöglichte, die nicht unbedingt den Ansichten der führenden Personen in den Bolschweiki, den Linken Sozialrevolutionären oder dem Rat der Volkskommissare entsprachen.

Lenin und Trotzki waren sich durchaus darüber im Klaren, dass der Sowjetstaat auch Labor für das zukünftige Zusammenleben sein müsse. Die Kommunehäuser wurden ins Leben gerufen.

Dennoch kam es zwischen Kollontai und Lenin zum Zerwürfnis. Im März 1918 legte die erste Ministerin der Welt ihre Ämter aus Protest gegen den Friedensschluss von Brest-Litowsk nieder. Wie der linke Flügel der Bolschewiki und die Linken Sozialrevolutionäre verlangte sie einen – damals völlig aussichtslosen „revolutionären Volkskrieg“ gegen die deutsche Kaiserliche Armee.

Noch einmal würden Lenin und Kollontai eng zusammenarbeiten. Als Vorsitzende der Frauenabteilung im Zentralkomitee der Bolschewiki setzte sie mit ihm gemeinsam ein Gesetz zur Straffreiheit von Abtreibungen durch, welches selbst innerhalb der Führungsebenen der Partei hoch umstritten war. Nur ein Jahr später jedoch, auf dem Parteitag der Bolschewiki 1921 warf sie ausgerechnet Lenin und Trotzki – die die Bürokratisierung von Partei und Staat bekämpften – vor, sie würden genau diese Entwicklung betreiben. Nun war der Bruch endgültig.

Unterwerfung unter Stalin

Kollontais Leben bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhundert hinein war ein steter Akt der Rebellion gegen ihr vorgesetzte Autoritäten: Ihre Familie, die russische Gesellschaft, die Führung der II. Internationale. Selbst Lenin griff sie – in diesem Falle nicht selten ungerechtfertigt, aber dennoch mutig und entschlossen – an. Als Stalins Aufstieg nach Lenins Tod die Errungenschaften der Oktoberrevolution auf allen Gebieten infrage stellte, schloss sie sich zunächst der „Arbeiteropposition“ an. Sie verfasste, zu diesem Zeitpunkt als Botschafterin im Ausland tätig, programmatische Schriften für diese Fraktion innerhalb der Bolschewiki.

Doch im Laufe des Jahres 1927, als sich die Bürokratie in Stalins Gefolge durchsetzte, als jene von demokratischen Kontrollmechanismen gänzlich unberührte Schicht, privilegierter Funktionäre die Macht über Partei und Staat endgültig an sich riss; als Revolutionäre wie Karl Radek oder Leo Trotzki in die Verbannung geschickt wurden und Stalins Hauptgegner innerhalb der Partei, die „Linke Opposition“ zerschlagen wurde, senkte Kollontai ihr bislang so stolzes Haupt vor dieser neuen Autorität.

Sie kritisierte und bekämpfte Stalin weder, als der das Scheidungsrecht wieder wesentlich erschwerte und das Abtreibungsrecht abschaffte. Auch dann nicht, als er alle reformpädagogischen Konzepte aus den Bildungs- und Erzeihungseinrichtungen verbannte und dort ein rauer Ton von Gehorsam und Unterwerfung Einzug hielt. Kollontai schaute weg, als die Frauenabteilung im Zentralkomitee der Bolschewiki durch Stalin aufgelöst wurde und als zahlreiche Freundinnen und Freunde im Gulag endeten. Auch die Auflösung der Kommunehäuser kommentierte Kollontai nicht.

Sie frisierte ihre Lebenserinnerungen so häufig, dass es HistorikerInnen nach ihrem Tod schwer fiel die ursprüngliche Fassung herzustellen. Damit nahm sie sich jede Möglichkeit ihre eigenen Ansichten zur politischen Konterrevolution Stalins wenigstens nach ihrem Tod der Nachwelt darzustellen. Ihre angeblichen Erinnerungen strotzen vor Fälschungen und bewusst formulierten Ungenauigkeiten. Doch am vielleicht Erschreckendsten ist, dass sie selbst als Dybenkow, der Mann mit dem sie einst in Richtung Krim „durchbrannte“, von Stalin ermordet wurde, schwieg. Zu diesem Zeitpunkt hatten beide sich bereits getrennt, waren jedoch weiterhin sehr eng befreundet.

So sah Kollontai untätig zu, als in den letzten 25 Jahren ihres Lebens Stalins Bürokraten ihr Lebenswerk fast komplett zerstörten. Man kann nur raten, wie es damals in ihr ausgesehen haben muss. Dass sie den Maßnahmen Stalins innerlich zustimmte, ist mehr als unwahrscheinlich. Doch sie protestierte, anders als Leo Trotzki oder auch Clara Zetkin – nie öffentlich gegen Stalins Repressionen.

Das dahinterstehende Motiv liegt ebenso im Dunkeln: War es die Angst vor dem Verlust ihrer eigenen Privilegien? Furcht vor Stalins Henkern? Wollte sie dem Ansehen des ersten Staates, der den Kapitalismus überwunden hatte, nicht schaden? Was auch immer Kollontai dazu veranlasste Stalin nie in die Parade zu fahren, es stellt ihr gesamtes Lebenswerk zur Disposition.

Was bleibt?
Doch die Kollontai der 30er und 40er Jahre war nicht die ganze Alexandra Kollontai. Kennt man ihr Leben, so bleibt sie auch eine entschlossene Kämpferin für die Sache der Unterdrückten, für Frauenrechte und für eine entschiedene Verbesserung der Bildung. Man darf auch nicht vergessen, dass Alexandra Kollontai nicht die einzige Bolschewistin war, die vor Stalin kapitulierte; Radek, Sinowjew, Kamenjew, Bucharin – und viele mehr hielten dem Druck Stalins und den Verlockungen der Privilegien nicht stand. Sie alle bezahlten diesen persönlichen Kurs am Ende mit dem Leben und mit der Zerstörung der Werte und Ideen, für die sie ein Leben lang gekämpft hatten.

Dennoch werden die Ideen Kollontais über das Zusammenleben in der Familie, über die Gleichstellung von Frau und Mann, über Pädagogik ein Teil des revolutionären Erbes der ArbeiterInnenbewegung bleiben. Ihre entschlossenes Eintreten für die Interessen der Arbeiterinnen muss heute wie damals Auftrag für uns alle sein.

Dass der Sowjetstaat unmittelbar nach 1917 ihren Versuchen so viel Raum gab, zeigt ebenso wie das Verhalten Lenins Kollontai gegenüber, dass so manches Märchen der bürgerlichen Geschichtsschreibung über die toleranzlose Härte von Lenin und Trotzki eben nur ein Märchen ist.