[aus dem „Socialist“ (Wochenzeitung der Socialist Party, England & Wales) vom 12. Juli 2017]

Massive Demonstrationen mit fast einer Million Menschen brachen in Petrograd am 2.-3. Juli 1917 in einem kolossalen Ausbruch von Wut und Unzufriedenheit aus.

ArbeiterInnen, Soldaten und BäuerInnen reagierten auf das Versagen der provisorischen Regierung, die nach der Revolution vom Februar 1917 installiert worden war, die schlimme Lage endlich zu ändern. Sie litten unter hohen Lebensmittelpreisen, Armutslöhnen, Fabrikaussperrungen und schlechten Transportverhältnissen.

Schlimmer noch, die Regierung hatte im Juni beschlossen,  im Ersten Weltkrieg eine neue Offensive zu starten, die noch größeres Massenelend erzeugte. Die Bevölkerung litt unter den erneuten Kriegsbedingungen, während sich die Reichen in Profiten der Kriegsindustrie und als Folge von hohen Preisen für Grundbedarfsgüter suhlten.

Die riesige Kraft der Bewegung Anfang Juli brachte die Regierung in die Nähe des Zusammenbruchs. Im Schock über das, was sie als eine Herausforderung ihrer Macht sah – was es in den Köpfen vieler Petrograder ArbeiterInnen war – befahl sie Soldaten, auf DemonstrantInnen zu schießen. Darauf folgte eine starke Repression, in der Hunderte getötet wurden.

Konterrevolutionäre Truppen wurden nach Petrograd geschickt, Waffen von ArbeiterInnen und Soldaten wurden einkassiert und revolutionäre Truppen an der Front entwaffnet.

Die Bolschewiki wurden von der Regierung und ihren politischen Feinde für die Ereignisse verantwortlich gemacht und litten unter einer Welle der Brutalität. Viele wurden ins Gefängnis geworfen, darunter Trotzki und eine Reihe anderer Führer. Ihre Zeitungen und Büros wurden überfallen und geschlossen. Lenin floh nach Finnland und konnte bis Ende September nicht zurückkehren.

So hatten die Bolschewiki – in der Mitte eines Jahres von Massenbewegungen und zwei Revolutionen – einen bedeutenden Rückschlag erlitten und wurden für eine Reihe von Wochen zu einer halb-legalen Arbeit gezwungen. Neben den physischen Angriffe gab es auch eine große Regierungs-Propagandaoffensive gegen sie, indem man sie für den Mangel an Lieferungen an die Front und die Erfolge der deutschen Armee verantwortlich machte.

Die nationalen Führer der Bolschewiki hatten tatsächlich zu den Demonstrationen aufgerufen; sie hatten sich sogar  entschieden, dass sie gar nicht stattfinden sollten.

Aber als die Bewegung trotzdem ausbrach, erkannten sie, dass ihr Platz als revolutionäre Partei in der Bewegung war, die den verzweifelten Wunsch nach Wandel ausdrückte. Sie  versuchten, sie in eine organisierte Richtung zu kanalisieren und die Konsequenzen der Niederlage zu minimieren.

Eine Schicht der Bevölkerung, vor allem ArbeiterInnen in Petrograd sowie Soldaten an der Front, war außer sich und revoltierte. Auch in ländlichen Gebieten fanden Versuche von BäuerInnen statt, Land zu beschlagnahmen.

Die Bewegung war unorganisiert, mit vielen Straßenkämpfen und Versuchen für bewaffnete Aktionen; zum Beispiel besuchte ein Maschinengewehr-Regiment Fabriken, um Unterstützung für einen bewaffneten Angriff auf die Regierung aufzubauen.

ArbeiterInnen und Soldaten zogen zum Hauptquartier des Exekutivkomitees des Sowjets im Taurischen Palast und forderten, dass die Sowjets, Räte der ArbeiterInnen, Soldaten und BäuerInnen, die Macht übernehmen. Inzwischen verurteilten die konterrevolutionären Menschewiki und Sozialrevolutionäre (SR) im Palast die Bewegung als Angriff bewaffneter Banden auf die Demokratie!

Die Bolschewiki nahmen an den Demonstrationen teil mit Parolen wie „keine Koalition mit der Bourgeoisie”, „alle Macht den Sowjets”, „Beendigung der militärische Offensive” und „staatliche Kontrolle der Produktion”.

Bewusstsein

Die große Schwierigkeit, vor der sie standen, war, dass das Bewusstsein dieser sehr kämpferischen Schicht, die den Petrograder Aufstand führte, dem Rest des Landes voraus war. Die Bolschewiki waren damals erst noch eine Minderheit in den Sowjets.

Die Menschewiki und die SR hatten die Unterstützung einer Mehrheit der ArbeiterInnen und BäuerInnen, da es weiter Illusionen in die Fähigkeit dieser beiden Parteien gab, ihre Versprechen zu erfüllen: den Krieg zu beenden, den BäuerInnen Land zu geben, die Arbeiterkontrolle über die Produktion zu ermöglichen und so weiter.

Aber diese Parteien, die sich hauptsächlich auf Intellektuelle und die Bauernschaft stützten, hatten weder einen gangbaren Plan, um ihre Versprechungen zu erfüllen, noch den Willen, dies zu tun. In Wirklichkeit dienten sie als „ein Instrument der Bourgeoisie, um das Volk zu täuschen”, um die Worte Lenins zu benutzen.

Sie hatten aus der Februar-Revolution nichts gelernt, die gezeigt hatte, dass die  Kapitalistenklasse unmöglich kapitalistische Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung voranbringen konnte. Immer wieder bewiesen sie, dass sie alles tun würden, um den Kräften des Kapitalismus und des Großgrundbesitzes die Macht zurückzugeben.

Hatten die Bolschewiki Recht, als sie anfangs die Aussicht auf Demonstrationen ablehnten und dann einen Aufruf in der Nacht vom 4. Juli machten, sie zu beenden?

Hätte die Bewegung weiter gehen können und trotz der Hindernisse die Macht in die Hände der Sowjets oder der Arbeiterklasse legen?

Unterschiede im Bewusstsein und in der Stimmung sind immer unvermeidlich, aber hätten diese Unterschiede in diesem Stadium durch Aktion überwunden werden können?

Sowohl Lenin als auch Trotzki, die zusammen im Oktober die Bolschewiki zu einer erfolgreichen Arbeiterrevolution führten, erklärten, dass in diesem Stadium die Machtergreifung nicht dazu geführt hätte, sie dauerhaft zu halten.

Sie beurteilten beide, damals und in der späteren Analyse, dass es richtig war, sobald die Bewegung ausgebrochen war, zu friedlichen Demonstrationen und nicht zu einem Aufstand aufzurufen. Ansonsten hätte, wie Trotzki später ausarbeitete, Petrograd im Juli eine „Petrograder Kommune” werden können, die wie die Pariser Kommune im Jahre 1871 blockiert und ausgehungert worden wäre.

Wiederholte Ausbrüche

Die Juli-Tage waren nicht der erste Ausbruch der Massenunzufriedenheit nach der Februar-Revolution. Auch im April und Juni hatte es jeweils ein Aufflammen gegeben, in denen die Bolschewiki die Forderungen aufstellten, dass die Sowjetführer die volle Macht übernehmen und die nutzlose, kapitalistische provisorische Regierung entlassen sollten.

Am 18. Juni hatte fast eine halbe Million Menschen demonstriert, wobei bolschewistische Losungen populär waren. Aber trotz ihrer Größe, mussten auch in diesen Protestbewegungen die führenden Bolschewiki eine bremsende Rolle spielen und vor Versuchen warnen, die Macht mit Gewalt zu ergreifen.

Sie wollten nicht, dass das Blut und die Energie der ArbeiterInnen in heftigen Zusammenstößen mit den pro-kapitalistischen Kadetten (Konstitutionelle Demokratische Partei), reaktionären pro-zaristischen Schwarzhundertern und bewaffneten Kräften des Staats unnötig geopfert würden.

Nach der Februar-Revolution hatten die Sowjets zusammen mit der pro-kapitalistischen provisorischen Regierung zusammengearbeitet, ohne dass eine die Oberhand über die andere gehabt hätte. Die Vertreter des Kapitalismus, im Bündnis mit den Großgrundbesitzern, wollten die Sowjets auflösen, waren aber dazu nicht mächtig genug.

Auf der anderen Seite wurden die Sowjets von Leuten wie Zereteli und Tschernow geführt – Menschewiki und SR, die sich weigerten, die kapitalistische Regierung ernsthaft in Frage zu stellen. Vielmehr hielten sie sie am Leben und zielten nur darauf, sie zu „kontrollieren”.

Sie vertrösteten ständig auf die Einberufung einer konstituierenden Versammlung, die alle Probleme lösen würde, während sie gleichzeitig ihr Bestes taten, um solch eine Versammlung zu vertagen.

Am 6. Mai traten einige Menschewiki- und SR-Führer sogar dem Kabinett bei und bildeten eine Koalition, die aus Sicht der Kapitalistenklasse und Großgrundbesitzer besser geeignet war, den wahren Charakter der Regierung zu verbergen. Die Menschewiki und SR fuhren fort, mit den arbeiterfeindlichen Ministern Abkommen zu treffen.

Lenin kommentierte später: „Die Kapitalisten rieben sich vor Vergnügen die Hände, da sie in Gestalt der „Führer der Sowjets” Helfer gegen das Volk gewonnen hatten, da sie von ihnen das Versprechen erhielten, „Angriffsaktionen an der Front”, d. h. die Wiederbelebung des schon beinahe zum Stillstand gekommenen imperialistischen Raubkrieges, zu unterstützen.“[1]

Anfang Juli traten sechs Minister, der Hauptpartei des Kapitalismus, den Kadetten, zurück und übergaben den vergifteten Kelch des Regierungoberhauptes dem Sozialrevolutionär Alexander Kerenski. Doch Kerenski & Co waren „lediglich die Kulisse […], hinter der sich die konterrevolutionären Kadetten und die Militärclique verstecken, die die Macht in Händen hält”, urteilte Lenin.[2]

Diese „Militärclique” wurde von der Regierung als Folge der befohlenen Juni-Militäroffensive bewusst nach vorne geschoben. Eines der Ziele der Regierung war, die revolutionäre Gärung zu hintertreiben die einfach nicht abflauen wollte. Die Bevölkerung wartete immer noch verzweifelt auf Ergebnisse der Februarrevolution.

Der militärische Arm des Staates wurde daher nach dem Juli-Aufstand für das brutale Durchgreifen gegen die Opposition und die Bolschewiki vorbereitet.

Die Menschewiki und SR-Führer unterstützten die Angriffe auf die Bolschewiki teils versteckt, teils offener, was ihre konterrevolutionäre Natur weiter enthüllte. „Sie sind bis auf den Grund der widerlichen konterrevolutionären Mistgrube abgesunken. (…) Sie liefern in niederträchtiger Weise die Bolschewiki der Konterrevolution ans Messer”, sagte Lenin.[3]

Lenin hat die Gesamtlage nach den Juli-Tagen neu beurteilt. Im Juni hatte er bereits die Veränderungen erwogen, aber er erkannte jetzt, dass eine entscheidende, objektive Veränderung eingetreten war. Statt „Doppelherrschaft” hatte die Konterrevolution die Oberhand gewonnen, die von den Spitzenmilitärs angeführt und von den Kapitalisten und Monarchisten unterstützt wurde.

Analyse

Die Feinde der Arbeiterklasse bestätigten Lenins Analyse. Nach den Juli-Demonstrationen sagte Fürst Lwow, der ehemalige Chef der provisorischen Regierung, in einer Rede: „In meinem Optimismus werde ich besonders durch die Ereignisse bestärkt, die sich in den letzten Tagen im Lande abgespielt haben. Unser ,tiefer Durchbruch’ an der Front Lenins ist meiner Überzeugung nach für Russland von unvergleichlich größerer Bedeutung als der Durchbruch der Deutschen an unserer Südwestfront.”[4]

Lenin erklärte, dass die Forderung nach Machtübernahme durch die Sowjets in der veränderten Lage nicht mehr korrekt sei, weil dies nicht mehr so einfach mit der Auflösung der provisorischen Regierung erreicht werden könnte.

Revolten und „Teilwiderstand” würden nicht ausreichen, schloss er. Stattdessen war es notwendig, eine Mehrheit der ArbeiterInnen und BäuerInnen für das Programm der Bolschewiki zu gewinnen und sorgfältig auf einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten, wenn die richtigen Bedingungen für einen Erfolg zusammenkommen. Es würde entweder einen vollständigen Sieg für eine Militärdiktatur geben oder eine neue Arbeiterrevolution.

Bei der Festlegung dieses Weges schrieb Lenin über das Schicksal der Sowjets, wenn sie von konterrevolutionären Parteien geführt blieben: „Gegenwärtig gleichen diese Sowjets Hammeln, die, zur Schlachtbank geführt, unter dem Messer stehend, jämmerlich blöken. Heute sind die Sowjets ohnmächtig und hilflos gegenüber der siegreichen und ihren Sieg weiter ausbauenden Konterrevolution.“[5]

Lenins Position wurde auf dem bolschewistischen Parteitag beschlossen, der am 26. Juli begann (wo auch Trotzkis Mitgliedschaft bei den Bolschewiki beschlossen wurde).

Die Losung „alle Macht den Sowjets” wurde zugunsten der „Macht für die Arbeiterklasse und die Bauernschaft” zurückgezogen.

Nur sieben Wochen später, als die Bolschewiki am 9. September in der Arbeiterabteilung des Petrograder Sowjets eine Mehrheit erhielten – und Trotzki zum Vorsitzenden gewählt wurde – konnten sie dann sagen: „Alle Macht den bolschewistischen Sowjets!”

Die Juli-Tage enthalten viele Lehren für Kämpfe und Bewegungen heute.

Eine von ihnen ist, dass eine revolutionäre Partei nicht einfach jede Massenbewegung oder jeden stattfindenden Angriff auf den Kapitalismus unterstützt, ohne zu versuchen, sie in eine Richtung zu lenken, die dazu beiträgt, die gesamte Arbeiterbewegung zu vereinheitlichen, zu stärken und vorwärts zu führen, wie es die Bolschewiken taten.

Allerdings ist vielleicht die wichtigste Lehre die Art und Weise, mit der eine aufmerksame  marxistische Analyse, zusammen mit demokratischer Debatte und Diskussion, eine revolutionäre Partei in die Lage versetzt, eine Zeit des Rückschlags zu bewältigen und ihre Kräfte neu zu orientieren, um für den zukünftigen Sieg aufzubauen.

[1] Wladimir I. Lenin: Die Lehren der Revolution (Ende Juli/Anfang August 1917. Nach Werke, Band 25, Berlin 1960, S. 227-244, hier S. 238)

[2] Wladimir I. Lenin: Der Beginn des Bonapartismus (29. Juli/11. August 1917. Nach Werke, Band 25, Berlin 1960, S. 221-225, hier S. 224)

[3] Wladimir I. Lenin: „Über Verfassungsillusionen“ (26. Juli/8. August 1917. Nach Werke, Band 25, Berlin 1960, S. 193-208, S. 206 f.)

[4] Zitiert nach Wladimir I. Lenin: „Wofür wir dem Fürsten G. J. Lwow dankbar sind“ (19. Juli/1. August 1917. Nach Werke, Band 25, Berlin 1960, S. 190-192 , hier S. 190)

[5] Wladimir I. Lenin: Zu den Losungen (Mitte/Ende Juli 1917. Nach Werke, Band 25, Berlin 1960, S. 181-189, hier S. 188)