Leo Trotzki: 1905 – 1917 (Unmittelbare Aufgaben der gegenwärtigen Revolution)

[Titel der englischen Übersetzung: Der Charakter der Februarrevolution]

[zum ersten Mal ins Englische übersetzt von Pete Dickenson. Russisch in Л. Троцкий. Историческое подготовление Октября. Часть I. От Февраля до Октября. (Л. Троцкий. Сочинения. Том 3, часть 1. Москва-Ленинград, 1924) [L. Trotzki, Historische Vorbereitung des Oktober. Teil I. Von Februar bis Oktober. (L. Trotzki, Werke, Band 3, Teil 1. Moskau-Leningrad, 1924)]

Der Französisch-Preußische Krieg von 1870-1871 beendete die turbulente Zeit der Bildung der europäischen Nationalstaaten.[1] Eine Ära der politischen Stagnation begann. In den Tiefen der kapitalistischen Gesellschaften häuften sich in der Geschichte beispiellose Gegensätze an; aber keiner von ihnen trat in scharfer Form hervor. Die große Kunst der herrschenden Klassen bestand darin, dass sie die Widersprüche glätteten, alle Risse übertünchten und die Entscheidung aller großen Fragen in die Zukunft schoben. Der Possibilismus[2], die Anpassung an die Gegebenheiten, wurde eine mächtige Tradition. In einem solchen Milieu entwickelte sich die Psychologie von zwei Generationen. Die Revolution wurde als veraltete Methode der politischen „Barbarei” betrachtet, die ganz der Vergangenheit angehöre. Die Revolutionäre schienen Phantasten zu sein, Überbleibsel längst vergangener politischer Formen.

Der Russisch-Japanische Krieg und die russische Revolution von 1905 waren ein schwerer Schlag für die possibilistischen Vorurteile. Diese Ereignisse hallten weltweit wider. In Österreich führte die russische Revolution sofort zur Eroberung des allgemeinen Stimmrechts. In Deutschland wurde der  politische Konservatismus der Sozialdemokratie erschüttert und auf ihrem Jenaer Parteitag[3] nahm die Partei „im Prinzip” den Generalstreik an. In Frankreich erhob der revolutionäre Syndikalismus sein Haupt als Gegengewicht gegen den zutiefst opportunistischen und charakterlosen französischen Parlamentarismus. In England wurde die Labour Party[4] gebildet. Aber es kam nicht zu einem offenen Konflikt zwischen dem Proletariat und dem Staat in Europa. Während  die russische Ereignisse im asiatischen Osten, in Persien, der Türkei und China, einen starken Widerhall fanden und direkt zu Staatsumstürzen führten, führten sie in Europa nur zu einer psychologischen Erschütterung, nach der alles wie zuvor blieb. Die russische Revolution wurde durch die vereinten Kräfte des Zarismus und der europäischen kapitalistischen Reaktion erwürgt. Ihr Sturz belebte überall wieder den Geist des Opportunismus. Die Zeit zwischen 1907 und 1914 war in der Arbeiterbewegung eine Zeit von engherzigem Konservatismus und beschränktestem Kampf. Aber die Geschichte bereitete für die Revolutionäre eine brillante Revanche vor.

[Eine bürgerliche Revolution?][5]

Die  Initiative übernahm diesmal Russland.

Leute, die in gewissen Formeln denken oder gar nicht denken, glauben, dass die ganze Frage sich dahin auflöst, dass eine „bürgerliche Revolution” in Russland stattfindet. In der Tat wirft das nur die Frage auf: Was ist diese bürgerliche Revolution? Was sind ihre inneren Kräfte und  Zukunftsaussichten?

In der Großen Französischen Revolution des XVIII. Jahrhunderts war die treibende Kraft das Kleinbürgertum, das unter seinem Einfluss die Massen der Bauern hielt. Wo ist das Kleinbürgertum in Russland? Seine wirtschaftliche Bedeutung ist vernachlässigbar. Der russische Kapitalismus entwickelte sich von Anfang an in höchst zentralisierten Formen. Das russische Proletariat stand der russischen Bourgeoisie schon an der Schwelle der ersten russischen Revolution im Jahre 1905 feindlich, Klasse gegen Klasse, gegenüber. Somit gibt es einen großen Unterschied zwischen der russischen Revolution und der Französischen Revolution des XVIII. Jahrhunderts. Historische Analogien allein helfen hier nicht weiter; man muss die lebendigen Kräfte betrachten und ihre Entwicklungslinie bestimmen.

Zwischen unserer Revolution und dem Aufstand des „dritten Standes” in Frankreich liegt fast genau in der Mitte die deutsche Revolution von 1848. Letztere war natürlich auch eine bürgerliche Revolution. Aber die deutsche Bourgeoisie war nicht mehr imstande, ihre revolutionäre Mission zu erfüllen. Zur Beschreibung der Ereignisse von 1848 schrieb Marx[6]:

„Die deutsche Bourgeoisie hatte sich so träg, feig und langsam entwickelt, dass im Augenblicke, wo sie gefahrdrohend dem Feudalismus und Absolutismus gegenüberstand, sie selbst sich gefahrdrohend gegenüber das Proletariat erblickte und alle Fraktionen des Bürgertums[7], deren Interessen und Ideen dem Proletariat verwandt sind. … Die preußische Bourgeoisie war nicht, wie die französische von 1789, die Klasse, welche die ganze moderne Gesellschaft den Repräsentanten der alten Gesellschaft, dem Königtum und dem Adel, gegenüber vertrat. Sie war zu einer Art von Stand herabgesunken, ebenso ausgeprägt gegen die Krone als gegen das Volk, oppositionslustig gegen beide, unentschlossen gegen jeden ihrer Gegner einzeln genommen, weil sie immer beide vor oder hinter sich sah; von vornherein zum Verrat gegen das Volk und zum Kompromiss mit dem gekrönten Vertreter der alten Gesellschaft geneigt, weil sie selbst schon zur alten Gesellschaft gehörte  … nicht an dem Steuerruder der Revolution, weil das Volk hinter ihr stand, sondern weil das Volk sie vor sich her drängte  … ohne Glauben an sich selbst, ohne Glauben an das Volk, knurrend gegen oben, zitternd gegen unten, egoistisch nach beiden Seiten und sich ihres Egoismus bewusst, revolutionär gegen die Konservativen, konservativ gegen die Revolutionäre, ihren eigenen Stichworten misstrauend, Phrasen statt Ideen, eingeschüchtert vom Weltsturm, den Weltsturm exploitierend  [ausbeutend] – … gemein, weil sie nicht originell war, originell in der Gemeinheit – schachernd mit ihren eigenen Wünschen, ohne Initiative, ohne Glauben an sich selbst, ohne Glauben an das Volk, ohne weltgeschichtlichen Beruf – ein vermaledeiter Greis, der sich dazu verdammt sah, die ersten Jugendströmungen eines robusten Volks in seinem eigenen altersschwachen Interesse zu leiten und abzuleiten – ohn’ Aug! ohn’ Ohr! ohn’ Zahn, ohn’ alles – so fand sich die preußische Bourgeoisie nach der Märzrevolution am Ruder des preußischen Staates.”[8]

[Ängstliche Liberale, kämpferische Arbeiter]

Wenn wir diese Beschreibung, geschrieben von der Hand des großen Meisters, lesen, erkennen wir da nicht unsere eigene Bourgeoisie und ihre Führer? Unsere Bourgeoisie betrat die politische Arena noch später als die deutsche. Das russische Proletariat ist viel stärker, unabhängiger und bewusster als es das deutsche Proletariat im Jahre 1848 war. Die allgemeine Entwicklung Europas hat die Frage der sozialen Revolution lange auf die Tagesordnung gesetzt. All diese Umstände haben der liberalen russischen Bourgeoisie die letzten Spuren von Selbstvertrauen und Vertrauen in das Volk weggenommen.

Man muss überrascht sein, mit welcher Schamlosigkeit der Zar die liberale Bourgeoisie behandelte. Er beruft die Duma ein, wenn er einen neuen Kredit benötigt; hat er ihn erhalten, schickt er die Deputierten nach Hause. Auf ihre Forderung nach einem „Ministerium des öffentlichen Vertrauens”, antwortet er mit der Ernennung der wildesten Reaktionäre. Die Hofkamarilla provozierte immer Gutschkow und Miljukow, um zu beweisen, dass sie keine Angst vor ihnen hatte. Und aus ihrer Sicht hatte sie Recht: sie wusste, dass, egal wie stark der Hass der Vertreter des liberalen Bürgertums gegen die Hofbande war, sie aus Furcht vor den Arbeitermassen nicht wagen, den revolutionären Kampf gegen sie zu beginnen. „Wenn der Weg zum Sieg über eine Revolution führt“, – erklärte Miljukow vor einigen Monaten in der Duma – „würden wir auf den Sieg verzichten.” Soweit es um die liberale Bourgeoisie ging, konnte [Zar] Nikolaus schlafen: er kannte ihre Schwäche, die ihren Hass auf ihn lähmte.

Ganz anders war der Fall mit dem Proletariat. Am Vorabend des Krieges war es in einem Zustand der extremen revolutionären Erregung. Die Zahl der Arbeiter, die 1914 an politischen und wirtschaftlichen Streiks teilnahmen, war vergleichbar der Zahl von 1905. Im Sommer 1914, als Poincaré nach St. Petersburg kam, um die letzten Vorbereitungen für den europäischen Konflikt zu treffen, konnte der französische Präsident in der Hauptstadt die ersten Barrikaden der zweiten russischen Revolution sehen. Die Bewegung der Jahre 1912-1914 entwickelt sich in einem viel größeren Maßstab, weil sie auf der Erfahrung des stürmischsten und bedeutendsten Jahrzehnts der russischen Geschichte aufbaute.

Wie vor zehn Jahren unterbrach die Kriegserklärung unmittelbar die Entwicklung der revolutionären Bewegung. Der Zusammenbruch der Internationalen wirkte sich sehr negativ auf die Vorhut des Proletariats aus. 31 Monate Krieg vergingen, Niederlagen, Regierungsskandale, Suchomlinow- und Rasputin-Affären[9], allgemeine Verwüstung, hohe Preise und Hunger – bevor die Arbeitermassen auf die Straßen von Petersburg gingen.

Sie gingen gegen den Willen der gesamten liberalen Bourgeoisie des 6. März[10] auf die Straße. Am Vorabend des Generalstreiks drängte die Presse die Arbeiter, nicht den normalen Gang der Produktion zu unterbrechen, um nicht die militärischen Operationen zu schädigen. Dies schreckte aber die hungrigen Frauen nicht ab. Sie gingen auf die Straße mit der Losung „Brot und Frieden”. Die Arbeiter der Hauptstadt unterstützten sie. Der Generalstreik schob sofort den Konflikt zwischen der Duma und den Ministern in den Schatten. Die proletarischen Massen brachten das Leben in der Stadt zum Halt. Sie füllten die Straßen und zeigten, dass es sich für sie nicht um eine Frage von  Demonstrationen sondern eines offenen revolutionären Kampfes mit der Regierung handelte.

[Eine Vakanz in der Regierungsmacht]

Die Unterstützung der Armee bestimmt das Schicksal der Revolution in ihrer ersten Phase. Die Petrograder Arbeiter waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht organisiert, nicht ausreichend mit dem Proletariat von ganz Russland verbunden, um die Macht in ihre Hände nehmen zu können. Aber sie waren stark genug, um den Zaren und seine Minister auf den Müll zu befördern. In der Regierungsmacht entstand so eine Vakanz. Erst in diesem Moment betrat der „Progressive Block” die Szene.

Rodsjanko, Gutschkow, Miljukow – diejenigen, die bis zur letzten Minute allen Kräften gegen die Revolution kämpften – waren gezwungen, zu einer Zeit in die Regierung einzutreten, als die Revolution bereits die alte Regierung gestürzt hat. „Nicht“ – wie Marx schrieb – „an dem Steuerruder der Revolution, weil das Volk hinter ihnen stand, sondern weil das Volk sie vor sich her drängte.”

Dazu kam der starke Druck aus London und Paris. Die Gefahr, dass Russland, von „Anarchie” gelähmt, aus dem Krieg aussteigen könne, würde nicht nur die Pläne der großen Frühjahrsoffensive (der dritten) beunruhigen, sondern auch die amerikanische Bourgeoisie am Vorabend ihres Eintritts in den Krieg verwirren. Es war notwendig, so zu handeln, damit in Russland sofort eine „autoritative” Regierung erscheine, die im Namen der Revolution erklären würde, dass das neue Russland alle finanziellen und diplomatischen Verpflichtungen des alten Regimes übernehme und vor allem  den Krieg bis zu einem „siegreichen Ende” fortsetze. Eine solche Regierung konnte nur durch den  „Progressive Block” geschaffen werden.

Die Regierung Lwow führte Presse- und Versammlungsfreiheit ein und kündigte eine Amnestie an. Aber das löste noch keines der grundlegenden Probleme, die die Revolution verursacht hatten und es wurde nur gewährt, um der aufgestauten Wut der Bevölkerung einen freien Abfluss zu geben. Der Krieg blieb. Hohe Preise, Hunger, Finanzkrise blieben. Und in all ihrer Schwere blieb die Agrarfrage.

Die Arbeitermassen werden sich jetzt, Gruppe für Gruppe, erheben und bessere Arbeitsbedingungen fordern und gegen den Krieg protestieren. Die Bauernmassen werden sich in den Dörfern erheben und, ohne auf die Entscheidung der verfassungsgebenden Versammlung zu warten, die Großgrundbesitzer von ihren Gütern vertreiben. Alle Bemühungen, den Klassenkampf  unter Berufung auf die Gefahr eines konterrevolutionären Staatsstreichs zu beseitigen, werden zu nichts führen. Der Spießer denkt, dass die Revolutionäre die Revolution machen und sie nach Belieben  an jedem beliebigen Punkt stoppen können. Die Logik des Klassenkampfes und der revolutionären Kollisionen ist für den Spießer ein Buch mit sieben Siegeln.

Die Vereinigung der Proletarier aller Länder in der Einheit der revolutionären Aktion ist die Hauptaufgabe der Sozialdemokratie. Im Gegensatz zur Regierung des bürgerlich-imperialistischen Liberalismus kämpfen die Arbeiter unter dem Banner des Friedens. Je früher das russische Proletariat die deutschen Massen überzeugen wird, dass die Revolution für den Frieden und für die Freiheit der nationalen Selbstbestimmung ist, desto eher wird der Zorn des deutschen Proletariats in einem offenen Aufstand ausbrechen. Der Kampf der russischen Sozialdemokratie für den Frieden ist gegen den bürgerlichen Liberalismus gerichtet. Ein solcher Kampf kann die Revolution  stärken und sie auf europäischen Boden hinüber werfen.

Die Konfiszierung der Ländereien der Romanow, Großgrundbesitzer und Klöster ist die zweite Bedingung für die Stärkung der Revolution. Politische Spießer (einschließlich derer, die sich Sozialisten nennen) versuchen, die Chancen einer Republik in Russland mit Blick auf den Anteil der Bauern, die nicht lesen und schreiben können, kleinzureden. Aber das zeigt nur ihre eigenen politischen Analphabetismus. Wenn die Revolution den russischen Bauern das Land geben wird, das dem Zaren und den Großgrundbesitzern gehört, werden die Bauern ihr Eigentum mit aller Kraft gegen die monarchistischen Konterrevolution [11] schützen.

“Die Zukunft”[12], April 1917

 

[1] Die gesamte historische Epoche 1789-1871 ist durch die Bildung und Stärkung des Bürgertums und damit des Nationalstaats gekennzeichnet. Beginnend mit der Französischen Revolution erreicht die Epoche dieser Entwicklung ihren Höhepunkt in den 1860er Jahren, als ganz Europa unter dem Banner der nationalen Kriege lebte. Der preußisch-dänische und der preußisch-österreichische Krieg dienten im Grunde dem deutschen Adel (mit der offensichtlichen Sympathie der Bourgeoisie) dazu, Deutschland wirtschaftlich und politisch zu vereinen. Der Krieg Italiens mit Österreich war auch zuerst ein Krieg für die nationale Befreiung. Der polnische Aufstand von 1863 hatte als historischen Zweck das Wiederentstehen des bürgerlichen Nationalstaats. Die Krönung des Ganzen ist die Ära des Deutsch-Französischen Krieg. Zwar hatte der leitende Politiker Deutschlands, Bismarck, diesen Krieg mit größerer Beharrlichkeit als Napoleon III vorbereitet, aber objektiv, historisch war er ein nationaler Krieg, denn die gesamte Außenpolitik Napoleons war auf der Aufrechterhaltung der politischen Zersplitterung Deutschlands aufgebaut. Eine direkte Folge dieses Krieges war die Schaffung des Deutschen Reiches. Von nun an hatten die Bourgeoisien der wichtigsten europäischen Staaten ihren nationalen bürgerlichen Staat. [Fußnote der Trotzki-Sotschinenija]

[2] Possibilismus – eine in den 1880er Jahren in Frankreich entstandene Strömung. Ihre Theoretiker sahen als Hauptaufgabe der Arbeiterpartei das Gewinnen von Sitzen im Parlament. Davon ausgehend wollte man sich auf das Erreichen des in der kapitalistischen Gesellschaft Möglichen (possible) konzentrieren. Der Führer dieser Bewegung war Brousse. Später gab es eine linke Abspaltung unter der Leitung von Allemane. Ihren taktischen Ansichten nach ist diese Strömung der direkte Vorläufer der deutschen Opportunisten wie Vollmar, Bernstein etc. [Fußnote der Trotzki-Sotschinenija]

[3] Der Jenaer Kongress der deutschen Sozialdemokraten fand im Jahre 1905 auf dem Höhepunkt der russischen Revolution statt. Aber auch auf diesem Kongress wurde ein Generalstreik im Wesentlichen nur zu einem Instrument der Verteidigung der Errungenschaften der Arbeiterklasse erklärt. Als sich der Parteitag im folgenden Jahr nach der Niederlage der russischen Revolution in Mannheim versammelte, versuchten die Führer der Sozialdemokraten (auch Bebel) mehr, die Unmöglichkeit des Massenstreiks zu beweisen. [Fußnote der Trotzki-Sotschinenija]

[4]  Hier hat sich anscheinend eine Ungenauigkeit eingeschlichen. Die Labour Party von England wurde vor 1905 gegründet, nämlich 1902 auf dem Kongress der Gewerkschaften und sozialistischen Organisationen. Aber die Revolution im Jahre 1905 hatte zweifellos eine Wirkung auf England; es genügt, darauf hinzuweisen, dass bald darauf zahlreiche Teile der Arbeiter das Wahlrecht erhielten. Auf der anderen Seite wurde die Labour Party von England erst 1906-1907 als politische Partei gegründet. [Fußnote der Trotzki-Sotschinenija]

Die Labour Party wurde 1906 gebildet, allerdings bestand ihr Vorläufer, das Labour Representation Committee seit 1900 und die Independent Labour Party noch länger [Fußnote in „Socialism Today“]

[5] Die Zwischenüberschriften fehlt in der russischen Version [Anmerkung des deutschen Übersetzers]

[6] In Wirklichkeit wurde dies nicht von Marx, sondern von Engels geschrieben, wie Genosse Rjasanow herausgefunden hat (siehe Gesammelte Werke von Marx und Engels, Band III, Historische Werke von Marx und Engels). Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels konnte Trotzki die Ergebnisse dieser Arbeit des Genossen Rjasanow noch nicht kennen.  [Fußnote der Trotzki-Sotschinenija, sinngemäß in „Socialism Today“ übernommen. In den Marx-Engels-Werken wird aber wieder Marx als Verfasser genannt – und vom Stil her erscheint das viel plausibler – Anmerkung des deutschen Übersetzers]

[7]Gemeint ist hier v.a. das Kleinbürgertum [Anmerkung des deutschen Übersetzers]

[8]Marx Engels Werke, Band 6, Berlin 1959, S. 108 f. [Anmerkung des deutschen Übersetzers]

[9] Wladimir Suchomlinow war bis zu seiner Entlassung 1916 Kriegsminister. Er wurde wegen Machtmissbrauch und Verrat angeklagt. Er wurde nach sechs Monaten entlassen, wie es heißt, nach einer Intervention Rasputins und der Zarin. Dies verursachte einen großen Skandal, der möglicherweise dem Regime mehr Schaden zufügte als die Rasputin-Affäre selbst. [Fußnote in „Socialism Today“]

[10] „liberale Bourgeoisie des 6. März“ bezieht sich auf die Führer des von Miljukow, Gutschkow und Rodsjanko und ihren Unterstützern gebildeten Blocks. [Fußnote in „Socialism Today“]

[11]  Die in Amerika geschriebenen Artikel L. D. Trotzkis haben die politische Taktik der revolutionären Sozialdemokraten fast völlig vorweggenommen. Die wichtigsten Schlussfolgerungen dieser Artikel sind fast deckungsgleich mit den politischen Perspektiven, die vom Genossen Lenin in den berühmten „Briefen aus der Ferne” entwickelt wurden.

Beispielsweise:

Die „Briefe aus der Ferne” sehen wie diese Artikel in der Schaffung der Provisorischen Regierung nur die erste Phase der Revolution. Ausgehend von der Voraussetzung des Vorhandenseins von drei politischen Kräften – der zaristischen Reaktion, den bürgerlich-grundbesitzenden Elementen und den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten – zeigen die „Briefe” auch die Aussicht auf einen bevorstehenden Bürgerkrieg, als dessen Ergebnis die Macht an die Regierung der Sowjets übergehen wird. In den „Briefen” noch unklar, in den Thesen des Genossen Lenins über „Die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution” schon klarer wird die Frage nicht mehr der parlamentarischen Republik oder selbst der revolutionär-demokratischen Diktatur, sondern der Sowjetrepublik, d.h. der Diktatur des Proletariats, die Frage der sozialistischen Revolution gestellt: „Wer jetzt lediglich von ,revolutionär-demokratischer Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft’ spricht, der ist hinter dem Leben zurückgeblieben, der ist damit faktisch zum Kleinbürgertum übergegangen, der hat sich gegen den proletarischen Klassenkampf entschieden, der gehört in ein Archiv für ,bolschewistische’ vorrevolutionäre Raritäten (Archiv ,alter Bolschewiki’ könnte man es nennen).“ (Gesammelte Werke von N. Lenin, Band XIV, Teil I, S. 29.)

Die „Briefe aus der Ferne”, wie diese Artikel, nehmen die Ablehnung jeglicher Unterstützung der provisorischen Regierung, die Notwendigkeit, den imperialistischen Charakter des letzteren rücksichtslos zu entlarven und die Feststellung, dass sie den arbeitenden Menschen keinen Frieden, kein Land und keine Freiheit geben wird, als selbstverständlich (siehe Band XIV., Teil I, S. 11). Sowohl die „Briefe” als auch Trotzkis Artikel gingen von der Prämisse aus, dass die Hoffnungen, Freiheit durch die Provisorische Regierung zu erhalten, illusorisch waren.

Als Verbündete des Proletariats in der Revolution betrachten die „Briefe” und Artikel die Bauernschaft, die Armee und das Weltproletariat.

Deshalb werden politische Losungen aufgestellt, die nur möglich sind, wenn die Macht an das Proletariat übergeht: Frieden, Beschlagnahmung des Landes (siehe Band XIV., Teil I, S. 12, im gegenwärtigen Band die Artikel „Krieg oder Frieden“, „Vor wem und wie wir die Revolution verteidigen”).

Zur gleichen Zeit wichen die Artikel wie die Briefe aus der Ferne in einer Reihe von großen politischen Fragen von der Position der (von den Genossen Kamenew und Stalin herausgegebenen) Prawda ab, bevor Genosse Lenin in Russland und später Teil ihrer Redaktion wurde (Gen. Kamenew).

Diese letzteren Genossen machten zum Ausgangspunkt ihrer Diskussionen, dass die Aufgaben der Revolution durch die vollständige Demokratisierung Russlands erfüllt seien. Die Grenze der Revolution sei eine demokratische Republik. Sie bestritten den sozialistischen Charakter der russischen Revolution. „Seine (Lenins) Thesen – schrieb zum Beispiel Genossen Kamenew – sind ein ausgezeichnetes Programm … für die ersten Schritte der geschaffenen [Offensichtlich ist das ein Druckfehler in der Prawda. Anstelle von „geschaffen” sollte sinngemäß „sozialistisch” stehen.] Revolution in England, Deutschland, Frankreich, aber nicht für eine vollständige demokratische Revolution in Russland” (Kamenew, „Zu den Thesen Lenin, Prawda Nr. 30, 12. April 1917).

Annähernd dasselbe wurde vom Genossen Rykow auf der April-Konferenz im Jahre 1917 vertreten. Folgendes sagte Lenin in seiner Schlussrede: „Genosse Rykow meint, der Sozialismus müsse aus anderen Ländern mit einer entwickelteren Industrie kommen. Das ist nicht richtig. (…) Das ist kein Marxismus, sondern eine Parodie auf den Marxismus.“ „Rykow sagt, dass der Sozialismus aus anderen Ländern kommen muss, mit einer weiter entwickelten Industrie.” Aber das ist nicht so. „Das ist kein Marxismus, sondern eine Parodie des Marxismus.” „Ferner sagt Genosse Rykow, dass es keine Übergangsperiode zwischen dem Kapitalismus und Sozialismus gebe. Das stimmt nicht. Das ist ein Bruch mit dem Marxismus.”(XIV Vol. II, p. 425, 426).).

Deshalb lehnten die Gegner der leninistischen Position die Politik der Sowjetrepublik und der Diktatur des Proletariats ab, einen Kurs, der darauf abzielte, die provisorische Regierung zu stürzen.

„Die Lage des Landes ist so, das die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten zwangsläufig die Lösung von staatlich-ökonomischen Fragen auf sich nehmen müssen … Aber diese Arbeit der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten mit ,entscheidenden Schritte zum Sturz des Kapitals’ zu vermischen ist unzulässig sowohl aus wissenschaftlicher als auch taktischer Sicht”. (Kamenew, „Zu den Thesen Lenins”, „Prawda” Nr. 30, 12. April 1917)

In enger Verbindung mit der Aufgabe des Kurses auf die Sowjetrepublik kamen diese Genossen zu dem Schluss, dass für die Partei für eine lange Zeit ein Programm der Forderungen an die provisorische Regierung notwendig sei. Die „Prawda” dieser Zeit betonte wiederholt, dass die provisorische Regierung als ein Faktor im Kampf um den Frieden und die Stärkung der Freiheit dienen könne. Dies ist zum Beispiel daraus ersichtlich, dass das Präsidium des Zentralkomitees der SDAPR in seiner Entschließung (Prawda Nr. 18, 26. März 1917) von der provisorischen Regierung die Verkündigung des Selbstbestimmungsrechts forderte (Lenin schrieb damals: „Die Regierung der Oktobristen und Kadetten, der Gutschkow und Miljukow, kann dem Volk weder Frieden noch Brot noch Freiheit geben, selbst wenn sie das aufrichtig wollte.”), dass die Prawda im Leitartikel vom 30. März es für möglich hielt, auch nur eine Minute Fürst Lwow zu glauben, dass „das Ziel des freien Russlands nicht Herrschaft über andere Nationen ist”. Dies wird endlich aus dem völlig anti-bolschewistischen Artikel von Awilow in der Prawda Nr. 15 vom 22. März 1917 ersichtlich. „Das demokratische Programm, das von der provisorischen Regierung verkündet wurde, wurde nicht von euch diktiert“ (das heißt, von bürgerlichen Elemente.), „sondern vom revolutionären Proletariat und der Armee und alle weiteren Schritte der Provisorischen Regierung in dieser Richtung wurden nicht von euch (d.h. dem Bürgertum, die Red.) beantwortet, sondern von den Forderungen des aufständischen Volks”. Also vertrat die provisorische Regierung nach Avilow nicht die Sache der Bourgeoisie, sondern … des Proletariats.

Dass die „Prawda” dieser Periode an die Möglichkeit einer gewissen Kooperation mit der Provisorischen Regierung glaubte, dass sie es für möglich hielt, diese in gewissem Maße zu unterstützen, ergibt sich aus dem folgenden Auszug aus dem Artikel „Die Provisorische Regierung und die revolutionären Sozialdemokraten”:

„Und wir, die revolutionären Sozialdemokraten, brauchen gar nicht zu sagen, dass soweit diese Provisorische Regierung die Reste des alten Regimes wirklich bekämpft, sie die entschlossene Unterstützung des revolutionären Proletariats haben wird. Immer und überall, wo die Provisorische Regierung, die der Stimme der in den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten vertretenen revolutionären Sozialdemokraten gehorcht, auf eine Reaktion oder Konterrevolution stoßen wird, muss das revolutionäre Proletariat zu ihrer Unterstützung bereit sein.“ (Prawda Nr. 8, 14. März).

In Nr. 2 der Prawda vom 7. März deutet der Artikel „Auf der Wacht” auch darauf hin, dass das Proletariat mit der Provisorischen Regierung einen „gemeinsamen Boden” bei der Umsetzung von „Organisations-, Meinungs-, Presse-, Versammlungsfreiheit” hat.

Ein sorgfältiges Studium der Prawda, wie sie vor Lenins Ankunft in Russland war, liefert ein unschätzbares Material für das Verständnis der Tiefe der Wendung, die mit Lenins April-Thesen vollzogen wurde. [Fußnote der Trotzki-Sotschinenija]

[12] „Die Zukunft” ist eine sozialdemokratische Zeitschrift, die damals von den linken Kreisen der jüdischen Arbeiterbewegung in Amerika veröffentlicht wurde. Die Position dieser Zeitschrift in den Angelegenheiten des Krieges und der Internationalen war links von der Amerikanischen Sozialistischen Partei unter der Leitung des Zentristen Hillquit. [Fußnote der Trotzki-Sotschinenija]