Revolution in Russland

Was in Russland geschieht, wird für immer in die Geschichte eingehen als eines ihrer größten Ereignisse. Unsere Kinder und Enkel werden über diese Tage als den Beginn einer neuen Ära in der Geschichte der Menschheit sprechen. Das russische Proletariat griff gegen das verbrecherischste Regime, gegen die am meisten geächtete Regierung zu den Waffen. Die Menschen in Petrograd  erhoben sich gegen den unehrlichsten und blutigsten Krieg. Die Truppen in der Hauptstadt standen unter der roten Fahne der Rebellion und Freiheit. Die Zarenminister wurden verhaftet. Die Minister der Romanow-Herrscher des alten Russlands, die Organisatoren des allrussischen Despotismus, wurden vom Volk in die Gefängnisse gesteckt, die bisher ihre schmiedeeisernen Tore nur den Vorkämpfern des Volkes öffneten. Allein diese Tatsache ermöglicht eine wirkliche Beurteilung der Ereignisse, ihres Umfangs und ihrer Macht. Die mächtige Lawine der Revolution ist in vollem Gange – keine menschliche Kraft kann sie stoppen.

Nach Telegraphenberichten ist eine Provisorische Regierung*[1] aus Vertretern der Dumamehrheit unter dem Vorsitz von Rodsjanko an der Macht. Diese Provisorische Regierung – das Exekutivkomitee der liberalen Bourgeoisie – wollte die Revolution nicht, hat sie nicht herbeigeführt und leitet sie nicht. Rodsjanko[2] und Miljukow[3] wurden an die Macht gespült von der ersten großen Welle der revolutionären Flut. Sie haben vor allem Angst, in ihr zu ertrinken. Nachdem die Führer der liberalen Bourgeoisie auf den noch warmen Stühlen der Minister, die jetzt in Einzelhaft sitzen, Platz genommen haben, möchten sie die Revolution als vollendet betrachten. Dies ist die Vorstellung und die Hoffnung der gesamten Weltbourgeoisie. Indessen hat die Revolution gerade erst begonnen. Ihre treibende Kraft wählte Rodsjanko und Miljukow nicht. Und die Revolution wird nicht ihr Exekutivkomitee in der Duma des 3. Juni[4] finden.

Hungrige Mütter hungernder Kinder hoben entrüstet ihre abgemagerten Hände zu den Fenstern der Paläste, und die Flüche dieser plebejischen Frauen läuteten die Sturmglocke der Revolution. Das war der Beginn der Ereignisse. Die Arbeiter Petrograds gaben ein Alarmsignal; Hunderttausende strömten aus den Fabriken auf das Pflaster der Stadt, die die Barrikaden schon  kannte. Das ist die Kraft der Revolution! Der Generalstreik erschütterte den mächtigen Körper der Hauptstadt, lähmte die Staatsmacht und trieb den Zaren in einen seiner vergoldeten Schlupfwinkel. Dies ist der Weg der Revolution! Die Truppen der Petrograder Garnison als der nächsten Abteilung der Allrussischen Armee reagierten auf den Aufruf der aufständischen Massen und ermöglichten die ersten großen Erfolge des Volkes. Die revolutionäre Armee – sie wird das letzte Wort in den Ereignissen der Revolution besitzen.

Die Nachrichten, die wir jetzt haben, sind unvollständig. Es gab einen Kampf. Die Minister der Monarchie gingen nicht ohne Kampf. Schwedische Telegramme berichten von hochgezogenen Brücken[5] (ich gehe aufgrund der Fußnot davon aus, dass der Fehler bei der engl. Übers. liegt), von Zusammenstößen in den Straßen und Aufständen in den Provinzstädten. Die Bourgeoisie mit ihren Obersten Engelhardt und Zensoren Gronski[6] übernahm die Macht, um „die Ordnung wiederherzustellen”. Das sind ihre eigenen Worte. Das erste Manifest der provisorischen Regierung ruft die Bürger auf, ruhig und friedlich zu bleiben. Als ob die Reinigungsarbeiten des Volks abgeschlossen seien, als ob der eiserne Besen der Revolution den Reaktionsabschaum weggefegt hätte, der sich seit Jahrhunderten um die Romanow-Dynastie sammelt und sie mit Schande bedeckt.

Rodsjanko und Miljukow denken, sie müssten nur reden und morgen wird im erschütterten Russland Ruhe einkehren. Schicht für Schicht des Landes wird sich nun erheben – alle Unterdrückten, Verarmten, Beraubten der zaristischen Regierung und der herrschenden Klassen – in dem weiten Raum des Allrussischen Völkergefängnisses. Die Petrograder Ereignisse sind nur der Anfang.

An der Spitze der russischen Massen wird das revolutionäre Proletariat seine historische Arbeit verrichten: es wird die monarchische und aristokratische Reaktion aus allen ihren Refugien vertreiben, und seine helfende Hand dem Proletariat in Deutschland und ganz Europa reichen. Denn es ist nicht nur notwendig, den Zarismus zu liquidieren, sondern auch den Krieg. Die zweite Welle der Revolution wird über die Köpfe Rodsjankos und Miljukows hereinbrechen, die sich mit der Wiederherstellung der Ordnung und einer Vereinbarung mit der Monarchie beschäftigen. / Schon jetzt bricht die zweite Welle der Revolution über die Köpfe Rodsjankos und Miljukows herein, welche mit der Wiederherstellung der Ordnung und einer Vereinbarung mit der Monarchie beschäftigt sind.  Aus dem Inneren der Revolution wird eine Macht entstehen – ein revolutionäres Organ des Volkes, das es zum Sieg führen wird. Und der Hauptkampf und die Hauptopfer liegen noch vor uns. Und erst nach ihnen wird ein vollständiger und echter Sieg folgen.

Das letzte Telegramm aus London sagt, dass Zar Nikolaus zugunsten seines Sohnes abdanken will. Mit diesem Handel wollen Reaktion und Liberalismus die Monarchie und die Dynastie retten. Zu spät! Zu spät! Die Verbrechen sind zu groß, das Leid zu monströs – und der Volkszorn zu umfangreich!
Zu spät, Diener der Monarchie! Zu spät, liberale Unterdrücker! Die Lawine der Revolution ist in Gang gesetzt – keine menschliche Kraft kann sie stoppen.

„Nowyj Mir“ („Neue Welt”) Nr. 937, 16. (3.) März 1917

Für die deutsche Fassung wurde die englische Übersetzung mit dem russischen Original verglichen.

Übersetzung: Wolfram Klein