Leo Trotzki: Rede in der Sitzung des Petrograder Sowjets (5. Mai)[1]

Die Nachricht von der russischen Revolution erreichte uns in New York, weit jenseits des Ozeans. Aber auch in diesem mächtigen Land, in dem wie nirgendwo sonst die Bourgeoisie herrscht, hatte die russische Revolution ihre Wirkung. Die amerikanische Arbeiterklasse hat wenig Ruhm erlangt. Über sie sagt man, sie unterstütze die Revolution nicht. Aber wenn ihr im Februar die amerikanischen Arbeiter gesehen hättet, wärt ihr doppelt stolz auf eure Revolution gewesen. Ihr würdet verstehen, dass sie nicht nur Russland erschüttert hat, nicht nur Europa, sondern auch Amerika. Und euch wäre klar geworden, wie es mir klar wurde, dass sie eine neue Epoche eröffnete, eine Epoche von Blut und Eisen, aber nicht im Kampf von Nationen gegen Nationen, sondern der leidenden und  unterdrückten Klasse gegen die herrschenden Klassen. (Lebhafter Beifall.)

Überall in den Versammlungen der Arbeiter hat man mich gebeten, euch ihre glühende Begeisterung zu vermitteln. (Lebhafter Beifall.) Aber ich muss euch auch etwas über die Deutschen erzählen. Ich hatte die Gelegenheit, in engen Kontakt mit einer Handvoll deutscher Proletarier zu kommen. Ihr fragt, wo? – Im Gefangenenlager. Die englische bürgerliche Regierung verhaftete uns als Feinde, und steckte uns in Kanada ins Kriegsgefangenenlager. (Rufe: Schande) Dort waren hundert Offiziere und achthundert Matrosen der Deutschen. Sie fragten uns, wie wir, russische Bürger, von den Briten gefangen genommen wurden. Und als wir ihnen sagten, dass wir nicht als russische Bürger gefangen genommen wurden, sondern als Sozialisten, begannen sie, uns zu sagen, dass sie Sklaven ihrer Regierung, ihres [Kaisers] Wilhelm sind. Wir haben uns eng mit den deutschen Proletariern angefreundet. Das mochten die gefangenen Offiziere nicht, und sie beschwerten sich bei dem englischen Kommandanten und sagten, dass wir die Treue der Matrosen zu ihrem Kaiser untergraben. Dann verbot mir der englische Kapitän, um die Loyalität der deutschen Soldaten zum Kaiser zu schützen, Vorträge zu halten. Die Matrosen brachten deshalb dem Kommandant ihre Entrüstung zum Ausdruck. Als wir gingen, machten die Matrosen für uns Musik und riefen zugleich „Nieder mit Wilhelm, nieder mit der Bourgeoisie, lang lebe die internationale Einheit des Proletariats!“ (Lebhafter Beifall.) Was in den Gehirnen der deutschen Matrosen passiert ist, findet jetzt in allen Ländern statt. Die russische Revolution ist ein Prolog zur Weltrevolution.

Aber ich kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich mit vielem von dem, was passiert, nicht einverstanden bin. Ich glaube, dass der Eintritt in die Regierung gefährlich ist. Ich glaube nicht an Wunder, die eine Regierung von oben nach unten bauen. Wir hatten eine Doppelherrschaft, die aus den Widersprüchen der beiden Klassen kam. Die Koalitionsregierung beseitigt nicht die Doppelherrschaft, sondern trägt sie nur in die Regierung. Durch die Koalitionsregierung wird die Revolution nicht zugrunde gehen. Beachten Sie die drei Gebote: 1) Misstrauen gegen die Bourgeoisie, 2) Kontrolle über die Führer und 3) Vertrauen in Ihre eigene revolutionäre Kraft. Was empfehlen wir? Ich denke, der nächste Schritt ist, alle Macht den Arbeiter- und Soldatendeputierten zu übertragen. Nur eine einheitliche Macht kann Russland retten. Es lebe die russische Revolution, als Prolog zur Weltrevolution! (Applaus).

 

 

 

Leo Trotzki: Rede auf der Stadtkonferenz der Vereinigten Sozialdemokraten zum Bericht des Genossen Urizki über die Haltung gegenüber der Provisorischen Regierung (7. Mai)[2]

Unsere Revolution wird als bürgerlich bezeichnet. Das bedeutet, dass die Regierung bestenfalls eine bürgerlichen Demokratie sein sollte und das Proletariat in Opposition sein muss.[3] Der Teil der Sozialdemokratischen Partei, der seine Mitglieder Zeretelli und Skobeljew in die provisorische Regierung entsandte, wurde zur Regierungspartei, zur Partei der bürgerlichen Revolution, damit eine bürgerliche Partei.

Der Unterschied zwischen der Masse der Delegierten im Rat des Arbeiter- und Soldatendeputierten und ihren ideologischen Führern Zeretelli und Skobeljew ist, dass erstere die ganze Komplexität der treibenden Kräfte der Revolution nicht verstanden haben und weiterhin nicht verstehen – während Skobeljew und Zeretelli, als ideologischer Führer der Sozialdemokraten, mit ihrer Taktik nicht nur die Sozialdemokratie und die Sozialrevolutionäre kompromittieren, sondern auch die Strömung der Sozialdemokratie (Zimmerwalder), zu der sie sich zählen und auf die wir alle unsere Hoffnungen auf die Wiederherstellung der Internationale setzen.

Wir schließen sie nicht aus der Partei aus, denn mit ihrem Verhalten haben sie sich selbst außerhalb der Reihen der Sozialdemokraten gestellt. Wir lehnen selbst einen Schatten der Verantwortung für sie ab. Mit ihrem Eintritt in die Regierung wurden sie entweder ihre Gefangenen oder ihre Agenten, und die einzige Aufgabe für uns, die revolutionären Sozialdemokraten, ist, sie zu entlarven. Wir stellen uns eine klare und bestimmte Aufgabe – den Übergang aller Macht in die Hände der Sowjets.

Für uns ist diese Frage nicht eine Frage von heute. Wir wissen, dass die Eroberung der Macht ein langer Prozess ist und von der Geschwindigkeit der sich entwickelnden Ereignisse abhängt. Wir sprechen hier nicht über die Machtergreifung hinter dem Rücken des Sowjets, denn er ist die repräsentative Regierungsform in der gesamten revolutionären Demokratie. Wir müssen nur dahin streben, eine Mehrheit im Sowjet zu schaffen, seine Arbeit mit wirklich revolutionärem Inhalt zu füllen und die Massen um unsere Losungen  zu organisieren.

Eine Machtergreifung so schnell wie möglich liegt nicht in unserem Interesse, denn je weiter sie von uns entfernt ist, desto besser organisiert und bewusst werden unsere Reihen sein und desto besser werden wir bereit sein, im richtigen Moment die Macht zu ergreifen.

Wir geben der neuen provisorischen Regierung ausdrücklich keine Unterstützung; ihre Krise ist nicht unsere Krise, weil wir die ganze Zeit im Dialog mit den Arbeitermassen die wahre Natur der provisorischen Regierung enthüllen, die voll von bürgerlichem Egoismus ist, gedeckt mit demokratischer Phraseologie, und jetzt mit zwei sozialistischen Leichnamen. Der Eintritt von Sozialisten in die Regierung endet mit dem Konkurs, ebenso wie Tschernow nichts ausrichten kann. Er wird die Materialien für die Konstituierende Versammlung vorbereiten, aber keine praktischen Schritte unternehmen und in der Zwischenzeit gibt es eine Regierung aus anti-revolutionären Elementen. Und wenn wir uns in diesen Schlamassel verstricken, können wir nicht für die Zukunft hoffen.

Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten zerbricht, rechte und linken Teile fallen ab, aber das ist nicht das letzte Kapitel in der Geschichte der Revolution. Es wird das dritte und das vierte Kapitel sein, wenn es eine vollständige Trennung von den kleinbürgerlichen Elemente in Stadt und Land gibt. Wir wissen nicht, ob wir siegen werden, aber wir wissen, dass ein Übertritt von vier Personen aus dem Sowjet in die Regierung nichts ändert. Klassenverhältnisse ändern sich nicht durch Anpassungen und interne Umgruppierungen. Wir müssen mit unserer Klasse gehen; wir wissen nicht, ob wir siegen, aber wir wissen, dass es keine andere Art und Weise gibt.

Und wenn Marx falsch lag und seine Vorhersage der sozialen Revolution verfrüht war, bedeutet das nicht, dass unsere Prognosen verfrüht sind. Nach allen Erschütterungen des Krieges, nach 50 Jahren Bildung von sozialistischer Kultur, nach all dem was die Nationen durchgemacht haben – welche anderen Bedingungen können für die soziale Revolution günstiger sein? Und wenn der Krieg, der aus allen Völkern alle Falsche, die Lüge und den Hauch des Chauvinismus entfernt,  Europa nicht zur sozialen Revolution bringt, bedeutet dies, dass für Europa die wirtschaftliche Degeneration bestimmt ist, dass es als ein zivilisiertes Land sterben wird, und nur noch der Neugier der Touristen dienen wird, und dass sich das Zentrum der revolutionären Bewegung in die Vereinigten Staaten oder nach Japan verlagern wird.

„Nowaja Schisn“ Nr. 18, 9. Mai 1917

 

 

Leo Trotzki: Resolutionen der Stadtkonferenz der Vereinigten Sozialdemokraten (7. Mai)

  1. Zur Frage der Haltung gegenüber der Provisorischen Regierung

 

Da der Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten der natürliche Mittelpunkt der gesamten Revolution und des Prozesses der Vertiefung der Revolution ist, verfolgen alle kapitalistischen Schichten das Ziel, seine Autorität und seinen Wert zu untergraben und auf den Ruinen der Volksrevolution die „harte Macht“ des Landwirtschafts-, Finanz- und kommerziell-industriellen Kapitals zu begründen.

Ein natürlicher Schritt in dieser Richtung war der Versuch der Bourgeoisie, Vertreter des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten in die Provisorische Regierung zu bringen, die Organisation der Revolution zu enthaupten und sie in den Augen der Menschen für deren militärische und Sozialpolitik verantwortlich zu machen.

Unter diesen Bedingungen ist die Zustimmung des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten ihre Vertreter in die Provisorische Regierung zu entsenden, eine zutiefst fehlgeleiteten Maßnahme, die ohnmächtig ist, die natürliche Entwicklung des Widerspruchs zwischen den proletarischen und halb-proletarischen Massen und den besitzenden Klassen zu stoppen. Sie kann nur eine vorübergehende Verwirrung in die Köpfe der Menschen bringen und die Autorität seiner Regierungsorganisationen untergraben.

Die erste Aufgabe der revolutionären Sozialdemokraten, als dem äußersten linken Flügel der Revolution ist daher eine unermüdliche Kritik der ergriffenen Maßnahmen im Angesicht des Volkes, die wachsame Kontrolle über die Außen- und Innenpolitik der neuen Provisorischen Regierung, die Entlarvung der maskierten bürgerlichen Selbstsucht und der unvermeidlichen Unvollständigkeit aller ihrer Schritte und die Vorbereitung des Übergangs der Macht in den Händen der führenden Gremien der Revolution.

In Erwägung, dass die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten die einzig mögliche, die einzig wirkliche Form der revolutionären Volksmacht sind, hält die Konferenz es für notwendig, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln des ideologischen Einflusses und der Erneuerung der inneren Zusammensetzung des Sowjets eine radikale Änderung der Politik des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten zu erstreben – von der opportunistischen Vaterlandsverteidigung der Mehrheit des gegenwärtigen Exekutivkomitees hin zum konsequenten und entschlossenen Kampf für die Eroberung der Macht zum Zwecke des schnellen Schlusses eines Friedens ohne Annexionen und Kontributionen (expliziter und verkleideter), auf der Grundlage der Freiheit der Selbstbestimmung der Völker und der Entwicklung einer sozialen Revolution in der kapitalistischen Welt.

 

  1. Zur Frage der Haltung von Zeretelli und Skobeljew

In Erwägung, dass trotz der bereits bestehenden katastrophalen Erfahrungen mit dem sozialistischen Ministerialismus in Frankreich, Belgien und England während des Krieges die Bürger Zeretelli und Skobeljew – aus den sozialdemokratischen Reihen und sogar Internationalisten, die seinerzeit mit dem Banner von Zimmerwald verbunden waren – in die neue provisorische Regierung eintraten, lenkt die Konferenz die Aufmerksamkeit aller Sozialdemokraten auf dieses auch für unsere Zeit außergewöhnliche Beispiel des ideologischen Abfallens und der politischen Kapitulation von Sozialisten vor der Bourgeoisie. Es ist daher die Pflicht aller Parteiarbeiter den proletarischen Massen zu sagen, dass die Bürger Zeretelli und Skobeljew sich mit ihrem Eintritt in die bürgerliche Regierung außerhalb der Reihen der revolutionären Sozialdemokratie stellen.

„Nowaja Schisn“ Nr. 18, 9. Mai 1917

[1] Diese Rede war die erste Rede des Genossen Trotzki in den Sowjetorganisationen bei seiner Ankunft in Russland hielt. Die scharfe Positionierung gegen die Koalition, die gerade das Licht des Tages erblickt hatte, alarmierte die „sowjetischen“ Führer. Die nach Trotzki sprechenden frisch gebackenen Minister widmeten ihre Reden vor allem der Auseinandersetzung mit ihm.

Diese Rede wird durch die Darstellung der „Iswestija“ überliefert, da es nicht möglich war, ein Stenogramm zu finden. Der Text ist eindeutig unvollständig und wir fragten L. D. Trotzki nach der Art der Wiedergabe und erhielten folgende Antwort:

Diese Rede ist in der zweiten Hälfte stark gekürzt. Die Geschichte über das Konzentrationslager in Kanada ist mehr oder weniger vollständig wiedergegeben, aber der kritische Teil der Rede, der gegen den Eintritt der Sozialisten in eine Koalitionsregierung sprach, wurde auf wenige Sätze reduziert, die kaum miteinander in Zusammenhang stehen. Was die „drei Gebote“ betrifft, so waren sie, soweit ich mich erinnere, das Leitmotiv meiner Rede: erstens kein Vertrauen in die Bourgeoisie; zweitens Kontrolle über die Führer; drittens Glauben an die eigene revolutionäre Kraft.

[2] Am 7. Mai 1917 begann die Stadtkonferenz der Vereinten Sozialdemokraten (Bolschewiki und Internationalisten). Die Konferenz begrüßte den Genossen Trotzki, der als Gast anwesend war. Als Antwort  auf die Begrüßung sagte Trotzki, dass für ihn die Einheit der Sozialdemokraten immer notwendig war, dass aber die Einheit nicht Selbstzweck sei, sondern eine Form, die einen revolutionären Inhalt haben müsse. Diese Konferenz finde statt unter dem Banner der sozialistischen Weltrevolution, unter dem Banner der neuen Internationale, gegen gegen die Vaterlandsverteidigung und den lebenden Toten „Pseudosozialismus“. Dann hielt Genosse Trotzki eine Rede zum Bericht des Genossen Urizki zur Haltung zur Provisorischen Regierung und zu den sozialdemokratischen Ministern Zeretelli und Skobeljew.

[3] Hier stellt der Autor die Position der Menschewiki dar. Hinweis der Red. [der russischen Ausgabe der Werke (Сочинения) Trotzkis]