Der Imperialismus folgt hier wie auch anderswo aus den Grundlagen der kapitalistischen Produktion. Aber die Entwicklung des Imperialismus wurde in unserem Lande äußerst beschleunigt und verschärft unter dem Einfluss der Konterrevolution. Wir sprachen darüber beim letzten Mal.[1] Als das erschreckte revolutionäre Bürgertum sein Programm der Vertiefung des Binnenmarktes durch die Übertragung des Grundbesitzes an die Bauern fallen ließ, wandte es seine ganze Aufmerksamkeit der Weltpolitik zu. Dies zeigte sehr anschaulich den anti-revolutionären Charakter unseres Imperialismus.

Die imperialistische Bourgeoisie versprach den russischen Arbeitern – im Erfolgsfall – bessere Löhne und versuchte, die Spitzen der Arbeiter durch privilegierte Positionen in der Rüstungsindustrie zu bestechen. Dem Bauern versprach sie neues Land. „Egal ob wir diese neuen Länder bekommen oder nicht“, – sagt der Mittelbauer, der die Hoffnung verloren hatte, das Großgrundbesitzerland zu bekommen – „in jedem Fall wird es weniger Menschen geben, also wird Boden frei werden …” (im engl. Text spricht der Mittelbauer davon, dass er vom Land freier wird.)

Der Krieg bedeutet also im wahrsten Sinne des Wortes, die Aufmerksamkeit der Massen von den dringendsten innenpolitische Themen und vor allem von der Agrarfrage abzulenken. Dies ist einer der Gründe, warum der „liberale” und nicht-liberale Adel im Krieg so eifrig die imperialistische Bourgeoisie unterstützt. Unter dem Banner der „Rettung des Landes” versucht die liberalen Bourgeoisie die Führung des revolutionären Volkes in ihren Händen zu halten, und zu diesem Zweck hat sie im Schlepptau nicht nur den patriotischen Trudowik Kerenski, sondern offenbar auch Tschcheïdse[2], den Vertreter der opportunistischen Elemente der Sozialdemokratie.

Die Beendigung des Krieges und der Kampf für den Frieden wird alle innenpolitischen Fragen stellen und vor allem die des Landes … Die Agrarfrage wird einen tiefen Keil in den gegenwärtigen aristokratisch-bürgerlich-sozialpatriotischen Block treiben. Kerenski wird wählen müssen zwischen den „liberalen” Dritter-Juni-Leuten[3], die die ganze Revolution für kapitalistische Ziele ausrauben wollen, und dem revolutionären Proletariat, das das Programm der Agrarrevolution in seiner vollen Breite entfalten wird: sprich die Beschlagnahme des Zaren-, Großgrundbesitzer-, Apanagen(?)-, Kloster- und Kirchenlandes zugunsten des Volkes. Was für eine persönliche Entscheidung Kerenski trifft, spielt keine Rolle: Dieser junge Anwalt aus Saratow, der die Soldaten bei einer Kundgebung „anflehte”, auf ihn zu schießen, wenn sie ihm nicht trauen, und zugleich den internationalistischen Arbeitern mit Skorpionen drohte, zählt nicht wirklich auf der Skala der Revolution. Eine andere Sache sind die Bauernmassen, die ländlichen Unterschichten. Sie auf die Seite des Proletariats zu bringen, ist  die notwendigste, dringlichste Aufgabe.

Es wäre ein Verbrechen, zu versuchen, dieses Problem zu lösen durch eine Anpassung unserer Politik an die national-patriotische Beschränktheit des Dorfes: Der russische Arbeiter würde Selbstmord begehen, wenn er für die Vereinigung mit dem Bauern durch den Bruch seiner Beziehungen mit dem europäischen Proletariat bezahlt. Aber dazu gibt es keine politische Notwendigkeit. Wir haben in unseren Händen eine mächtigere Waffe: Während die gegenwärtige Provisorische Regierung Lwow[4]-Gutschkow-Miljukow-Kerenski gezwungen ist – um ihre Einheit zu bewahren – die Agrarfrage zu umgehen, können und müssen wir sie in all ihrer Größe vor den russischen Bauernmassen stellen.

„Da die Agrarreform unmöglich ist, sind wir für den imperialistischen Krieg!“ sagte die russische Bourgeoisie nach der Erfahrung der Jahre 1905-1907. „Kehrt den Rücken dem imperialistischen Krieg und das Gesicht der Agrarrevolution zu!“ werden wir den Bauernmassen nach der Erfahrung der Jahre 1914-1917 sagen.

Die gleiche Frage, die Landfrage, wird eine große Rolle spielen, um die proletarischen Kader der Armee mit der Bauernmasse zu vereinen. „Das Land der Großgrundbesitzer und nicht Konstantinopel!” sagt der proletarische Soldat dem Bauernsoldaten, um ihm zu erklären, wem und wozu der imperialistische Krieg dient. Und der Erfolg unserer Bewegung und des Kampfes gegen den Krieg – vor allem bei den Arbeiter-, und in zweiter Linie bei den Bauern- und Soldatenmassen – wird davon abhängen, wie schnell die liberale imperialistische Regierung durch eine revolutionäre Arbeiterregierung ersetzt werden kann, die sich direkt auf das Proletariat dann auf die ländlichen Unterschichten stützt.

Nur eine solche Macht, die sich dem Ansturm der Massen nicht widersetzt, sondern ihn im Gegenteil vorwärts führt, ist fähig, das Schicksal der Revolution und der Arbeiterklasse zu sichern. Die Schaffung einer solchen Macht ist jetzt die wichtigste politische Aufgabe der Revolution.

Die Konstituierende Versammlung ist bisher das einzige revolutionäre Etikett. Was steckt dahinter? Auf welchen Grundsätzen wird sich die Konstituierende Versammlung etablieren? Es hängt von ihrer Zusammensetzung ab. Die Zusammensetzung, hängt davon ab, wer und unter welchen Bedingungen die Konstituierende Versammlung einberufen wird. Rodsjanko, Gutschkow und Miljukow werden alles daran setzen, eine Konstituierende Versammlung nach ihrem Bilde und ihnen gleich zu schaffen. Der stärkste Trumpf in ihrer Hand wird der Slogan eines nationalen Krieg gegen einen äußeren Feind sein. Jetzt werden sie natürlich reden von der Notwendigkeit, die „Errungenschaften der Revolution vor der Niederlage” gegen die Hohenzollern zu verteidigen. Und die Sozialpatrioten werden in das Lied einstimmen.

„Sie muss verteidigt werden!“ werden wir sagen. Der erste Schritt ist es, die Revolution gegen den inneren Feind zu sichern. Wir müssen, ohne die Konstituierende Versammlung abzuwarten, aus allen Winkeln den monarchischen und feudalen Unrat fegen. Wir müssen die russischen Bauern lehren, nicht den Versprechungen Rodsjankos und den patriotischen Lügen Miljukows zu vertrauen. Wir müssen die Bauernmillionen gegen den liberalen Imperialismus unter dem Banner der Agrarrevolution und der Republik vereinigen.

Diese Arbeit in ihrer Gesamtheit kann nur eine auf das Proletariat gestützte revolutionäre Regierung durchführen, die die Gutschkow und Miljukow von der Macht entfernen wird. Diese Arbeiterregierung wird alle Instrumente der Staatsmacht ins Spiel bringen, um die rückständigsten und dunklen Schichten der arbeitenden Massen in Stadt und Land zu wecken, zu erziehen und vereinen. Nur mit einer solchen Regierung und solcher Vorbereitung wird die Konstituierende Versammlung kein Deckmantel für die landbesitzenden und kapitalistischen Interessen, sondern ein wirkliches Organ der Masse des Volkes und der Revolution sein.

„Nun, was ist mit den Hohenzollern, deren Truppen die siegreiche russische Revolution bedrohen?“ „Wir schrieben bereits darüber. Die russische Revolution stellt eine unermesslich größere Bedrohung für die Hohenzollern dar als die Begierden und Ambitionen des imperialistischen Russlands. Je früher die Revolution die chauvinistische Gutschkow-Miljukow-Maske abwirft und ihr proletarisches Gesicht zeigt, desto stärker wird das Echo sein, das sie in Deutschland finden wird, desto weniger Chancen werden die Hohenzollern haben, die russische Revolution zu jagen und zu erwürgen – sie werden genug Ärger zu Hause haben.“

„Und wenn das deutsche Proletariat sich nicht erhebt? Was machen wir dann?“ „Das heißt, Sie gehen davon aus, dass die russische Revolution ohne Auswirkungen auf Deutschland stattfinden kann – auch wenn sie bei uns eine Arbeiterregierung schafft? Aber das ist absolut unvorstellbar.“

„Nun, wenn aber doch…?“ „Wir haben jetzt in der Tat keine Notwendigkeit, uns den Kopf über eine so unglaubliche Annahme zu zerbrechen. Der Krieg hat ganz Europa in ein Pulvermagazin der sozialen Revolution verwandelt. Das russische Proletariat wirft nun in das Pulvermagazin eine brennende Fackel. Zu meinen, dass diese Fackel nicht zu einer Explosion führen wird, steht im Gegensatz zu den Gesetzen der historischen Logik und Psychologie.

Aber wenn das Unglaubliche passiert, wenn die konservative sozialpatriotische Organisation die deutsche Arbeiterklasse in der nächste Periode  hindert, sich gegen ihre herrschenden Klassen zu erheben – dann würde natürlich, die russische Arbeiterklasse ihre Revolution mit Waffen in der Hand zu verteidigen. Die revolutionäre Arbeiterregierung würde Krieg gegen den Hohenzollern führen und das brüderliche deutsche Proletariat aufrufen, sich gegen den gemeinsamen Feind zu erheben.

In ähnlicher Weise wie das deutsche Proletariat, wenn es in der kommenden Zeit an die Macht käme, nicht nur das „Recht” sondern auch die Pflicht hätte, den Krieg gegen Gutschkow-Miljukow zu führen und den russischen Arbeitern mit ihrem imperialistischen Feind abrechnen zu helfen. In diesen beiden Fällen könnte ein von einer proletarischen Regierung geführter Krieg nur durch eine bewaffnete Revolution zustande kommen. Es wäre eine Frage nicht von „Verteidigung des Vaterlandes” sondern von Verteidigung der Revolution und ihrer Übertragung auf andere Länder.

„Nowyj Mir“ (Neue Welt”) Nr. 942, 21. (8.) März 1917

 

Der Artikel wurden von dem sich mit seiner Familie im Exil befindlichen Leo Trotzki in New York in der russischen Emigrantenzeitung Nowy Mir (Neue Welt) veröffentlicht. Veröffentlichungsdatum ist der 21. März (Nr. 942) – 8. März alten Stils.Der Artikel von Pete Dickenson zum ersten Mal ins Englische übersetzt und in der Monatszeitschrift Socialism Today (Nr. 205, Februar 2017) veröffentlicht. Für die deutsche Fassung wurde die englische Übersetzung mit dem russischen Original verglichen.

 

[1]„Krieg oder Frieden“ in „Nowy Mir“ Nr. 941, 20. (7.) März 1917

[2] Aleksandr Kerenski war damals ein Führer des populistischen Trudowiki, eine Spaltung von der sozialrevolutionären Partei (auch als Sozialisten-Revolutionäre bekannt). Er unterstützte die Fortsetzung des Krieges. Er wurde später Führer der provisorischen Regierung, bis sie in der Oktoberrevolution gestürzt wurde. Nikolai Tschcheïdse war ein prominentes Mitglied der Menschewiki, der den Krieg im Jahre 1914 in Worten ablehnte, aber allmählich seine Position zu einer der Unterstützung änderte.

[3]Die Kräfte die nach dem Staatsstreich vom 3. (16.) Juni 1907, der die Niederlage der Revolution

von 1905 besiegelte, an der Macht waren

[4] Lwow – Premier der ersten Provisorischen Regierung. Er war Großgrundbesitzer eines neuen Typs, der sein Land auf kapitalistischer Grundlage bewirtschaftete. In der Zeit der Selbstherrschaft gehörte Lwow zu den progressiven Kreisen des Adels. Schon damals spielte er eine wichtige Rolle in der Semstwo-Bewegung (der lokalen Selbstverwaltung des ländlichen adligen Großgrundbesitzes). Während des Krieges war Lwow ein Führer der größten Organisationen der russischen Bourgeoisie – der Union der Semstwos und Städte (Semgor). Als maßgeblicher Vertreter der Stadt und dem Semstwo-„Öffentlichkeit” wurde er als Premier nominiert.

Übersetzung: Wolfram Klein