Von Robert Bechert

Es stellten sich unmittelbare Probleme und Arbeiterklasse und Bauernschaft waren entschlossen, ihre neuen Freiheiten zur Durchsetzung ihrer Forderungen zu nutzen. Zentral war die Frage, ob Russland Teilnehmer des 1. Weltkriegs bleiben würde. Zur gleichen Zeit mussten die sozialen Fragen gelöst werden: die Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse, die Forderungen der Bauern nach Kontrolle über ihr Land, die Garantie demokratischer Rechte und Schutz vor Verfolgung. Zusätzlich forderten die verschiedenen Nationalitäten, die im Zarenreich unterdrückt wurden, ein Ende ihrer Knechtung und das Recht, über ihre eigene Zukunft selbst zu entscheiden.
Die ersten “Lösungen” der provisorischen Regierung hinsichtlich dieser Forderungen und Probleme bestand darin, ihnen aus dem Weg zu gehen. Das war nicht gerade überraschend. Diese Regierung, die fünf Tage nach dem Beginn der Revolution gegründet wurde, schloss die meisten Parteien aus der halbdemokratischen Duma (Parlament) ein. Diese erste, provisorische Regierung war fast ausschließlich bürgerlich in ihrer Zusammensetzung und wollte so wenig Wandel wie möglich. Ursprünglich hatten die Duma-Parteien am 27. Februar (12. März nach unserem Kalender) ein Provisorisches Komitee gebildet, welches den Zar noch nach Bestätigung der Veränderungen ersuchten. Jener lehnte ab. Doch die rasanten Entwicklungen der Revolution – insbesondere die wachsende Zahl der Militäreinheiten, welche sich dem Aufstand anschlossen – zwangen den Zar zur Abdankung. Das Komitee der Duma entließ drei seiner rechten Mitglieder und bildete eine “Provisorische Regierung” am 2. März.

Das Tempo der Revolution zeigt sich eindrücklich im “Befehl Nr. 1” – verabschiedet durch den Petrograder Sowjet am 1. März – welcher im Wesentlichen das Kontrollrecht der herrschenden Klasse über das Militär in Frage stellte. Unter anderem erklärte dieser Befehl:
“3. In allen politischen Angelegenheiten untersteht jeder Truppenteil dem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendelegierten und seinen Komitees.”
“4. Die Befehle der militärischen Kommission der Reichsduma sind nur in den Fällen auszuführen, wenn sie zu den Befehlen und Beschlüssen des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendelegierten nicht in Widerspruch stehen.”
“5. Alle Arten von Waffen, wie Gewehre,Maschinengewehre, Panzerautos usw., müssen sich in den Händen und unter Kontrolle der Kompanie- und Bataillonskomitees befinden und dürfen unter keinen Umständen den Offizieren ausgeliefert werden, auch wenn sie dies verlangen.”

Diese potenzielle Herausforderung der Herrschenden und ihrer Autorität spielte für die Entscheidung des Provisorischen Komitees der Duma am nächsten Tag eine Rolle. Es wich der “Provisorischen Regierung”, welche an ihre Spitze einen Prinz stellte und aus fast ausschließlich kapitalistischen Politikern bestand.

Von Beginn an suchten beide “provisorischen” Organe eine Übereinkunft mit den FührerInnen des neu gebildeten Petrograder Sowjet. Da die Massen sie nicht unterstützten, versuchten die Duma-Parteien die SowjetführerInnen zu benutzen, um die Revolution zu bremsen. Das ursprünglich am 27. Februar gegründete Exekutivkomitee des Petrograder Sowjet wurde noch vor seiner Konstituierung von reformistischen AnführerInnen durch diese selbst besetzt. Sie benutzten den berühmt gewordenen Namen aus der Revolution von 1905. Diese ersten SowjetführerInnen waren in ihrer Mehrzahl Menschewiki und Sozial-RevolutionärInnen und wollten ein Abkommen mit den Duma-Politikern aushandeln – nicht aber den Kapitalismus stürzen. Daher berichtete die neue Tageszeitung des Sowjets “Iswestija” wohlgesonnen über die Bildung der Regierung: “Das temporäre Komitee aus Mitgliedern der Staatsduma hat – mit der Hilfe und Unterstützung der Armee und den Bewohnern der Hauptstadt – einen so großen Erfolg über die dunklen Kräfte des alten Regimes erlangt, dass es dem Komitee nun möglich ist, die Organisation einer stabileren Exekutivkraft anzugehen.“ (3. März nach altem julianischen Kalender).

Diese Position war nicht überraschend – sie ergab sich aus der Politik der Führungen von Menschewiki und SozialrevolutionärInnen. Mitte 1918, nach der Revolution, beschrieb Maxim Litwinow, der erste Vertreter in Großbritannien von der von den Bolschewiki geführten Regierung, die politischen Tendenzen in der russischen Arbeiterbewegung im Gespräch mit britischen AktivistInnen. Er erklärte, dass die Menschewiki “meinten, die Revolution müsse ähnlich der vorangegangenen Revolutionen in Europa gesehen werden; dass sie als eine bürgerliche Revolution dazu bestimmt war, die Kapitalistenklasse an die Macht zu bringen und einen bürgerlichen Staat zu etablieren. Die [Bolschewiki] waren im Gegenteil der Meinung, dass – weil die revolutionäre Führung klar dem Proletariat im Bündnis mit der besitzlosen Bauernschaft gehören müsse – die Revolution zur Etablierung einer proletarischen Herrschaft führen bzw. zumindest eine bedeutende Veränderung des bürgerlichen Staates in sozialistischer Richtung mit sich führen müsse. Trotzki ging soweit, anzunehmen, dass der Staat sofort entlang sozialistischer Linien aufgebaut werden könnte. Folglich befürworteten die Menschewiki das politische Bündnis mit der Bourgeoisie, insbesondere mit den sogenannten Konstitutionellen Demokraten (kurz: Kadetten), und lehnten die Fortführung des Kampfes über die von jenen gesteckte Grenze hinweg ab. Auf der anderen Seite forderten die Bolschewiki, dass das Proletariat den revolutionären Kampf auch gegen den Willen der Bourgeoisie fortführen sollte, solange sie die Unterstützung der landlosen Bauernschaft besaßen.” (“The Bolshevik Revolution: Its Rise and Meaning”, erste Auflage, London, 1918)

Doch die Menschewiki und SozialrevolutionärInnen gerieten selbst unter den Druck der revolutionären Gärung. Die ganze Zeit über versuchten sie meist verbale Zugeständnisse mit der revolutionären Stimmung in Einklang zu bringen, während sie mit der Provisorischen Regierung zusammenarbeiteten. Das war jedoch alles andere als einfach – die Revolution und die Provisorische Regierung verkörperten zwei feindliche, entgegengesetzte Kräfte. Dieser Zusammenstoß spiegelt sich zum Beispiel in Punkt 4 des Befehl Nr. 1, in welchem die reformistischen SowjetführerInnen die kollidierenden Kräfte der Duma-Parteien und der Sowjets zu verwischen suchten.

Die Ereignisse überschlagen sich

Doch die Ereignisse überschlugen sich und die auseinandergehenden Kräfte wurden sichtbarer. Am 14. (27.) März veröffentlichte der Petrograder Sowjet seinen „Appell an die Völker der Welt“, welche eine Ablehnung des Weltkriegs vertrat, ohne klar zu fordern, ihn zu beenden. Er erklärte: „Lang lebe die internationale Solidarität des Proletariats und sein Kampf für den finalen Sieg… die Zeit ist gekommen, einen entschiedenen Kampf gegen die habgierigen Ambitionen der Regierungen aller Länder zu beginnen, die Zeit ist gekommen, da die Menschen die Entscheidung der Frage von Krieg und Frieden in die eigene Hand nehmen.“
„Sich seiner revolutionären Kraft bewusst erklärt die russische Demokratie, dass sie mit allen mitteln eine Eroberungspolitik der herrschenden Klassen bekämpfen wird und sie wendet sich an die Völker Europas für abgestimmte und entschiedene Aktion zu Gunsten des Friedens.“
Ungeachtet dieser wohlklingenden Worte arbeitete die Sowjetführung zu diesem Zeitpunkt praktisch mit der Provisorischen Regierung zusammen, welche die Fortführung des Krieges von russischer Seite unterstützte. Doch der revolutionäre Druck zwang die Regierung am 27. März (9. April) eine „Erklärung über die Kriegsziele“ zu erlassen, laut welcher „Das russische Volk nicht beabsichtige seine Weltmacht auf Kosten anderer Nationen auszubauen… es hegt nicht den Wunsch irgendjemanden zu unterjochen oder zu entwürdigen.“
Jedoch fuhr diese Erklärung damit fort, dass Russland „gleichzeitig die Verpflichtungen, welche sich (seinen) Verbündeten stellen, vollständig berücksichtigen wird.“ Einige Wochen später, am 18. April (1. Mai), sprach der Außenminister der Provisorischen Regierung, der Kadetten-Führer Miljukow, in einer Note an die britische und französische Regierung das aus, was wirklich gemeint war. Sie erklärte, dass der Text der Provisorischen Regierung nicht dem „Streben des ganzen Volkes, den Weltkrieg bis zum entscheidenden Sieg zu führen” widerspricht. Die Nachricht provozierte Massenproteste, welche zur “Aprilkrise” und Miljukows Rücktritt als Außenminister führten. Später, im Mai auf einem Kadetten-Parteitag, sprach Miljukow ganz offen über seine eignen imperialistischen Kriegsziele. Er erklärte offen: „Ich gebe ehrlicherweise zu, und stehe auch fest dazu, dass der rote Faden meiner Politik im Erlangen der Straße (dem Bosporus) für Russland lag.“
Im März versuchte die Provisorischen Regierung auf andere Weise, grundlegende Veränderungen zu blockieren und den Kern des alten russischen Staates zu erhalten. Sie widersprach den Rufen nach einer Bodenreform und Aktionen gegen die furchtbare Hungerkrise. Stattdessen verurteilte sie Plünderungen und Beschlagnahmungen von Land. Forderungen nach Selbstbestimmung von Finnland und den russisch-regierten Teilen Polens lehnte sie ab.

Welcher Weg für die Revolution?

Diese Situation – in der die Kapitalisten versuchen an der Macht zu bleiben und die Arbeiterklasse und Armen ihre neu entdeckte Stärke für weitreichende Veränderungen zu nutzen – findet sich in den frühen Phasen fast jeder anderen Revolution innerhalb kapitalistischer Länder. Solch eine „Doppelherrschaft“, in der die Klassen um die Macht ringen, kann nicht ewig andauern. Die Geschichte aller bisherigen und nachfolgenden Revolutionen hat gezeigt, dass früher oder später eine der miteinander kämpfenden Klassen siegreich hervorgehen muss.
Lenin, zu jenem Zeitpunkt in der neutralen Schweiz, beeilte sich unverzüglich, ein Programm und eine Strategie auszuarbeiten. Die Bolschewiki brauchten beides, um eine Bewegung aufzubauen, die den russischen Arbeitern und Bauern den Sieg bringen konnte.
Trotz der sehr beschränkten Informationsmöglichkeiten, ohne Radio, Fernsehen, Handy und Internet, konnte Lenin – gestützt auf seine Erfahrungen aus der russischen und internationalen Arbeiterbewegung – die wichtigsten Züge der Situation in seinem ersten „Brief aus der Ferne“ umreißen: „Die oktobristisch-kadettische bürgerliche Regierung, die den imperialistischen Krieg „bis zu Ende“ führen will und faktisch der Kommis der Finanzfirma ‚England und Frankreich‘ ist, sieht sich genötigt, dem Volk ein Höchstmaß an Freiheiten und Zugeständnissen zu versprechen, soweit sie sich damit vereinbaren lassen, daß diese Regierung ihre Macht über das Volk und die Möglichkeit behält, das imperialistische Gemetzel fortzusetzen.

Der Sowjet der Arbeiterdeputierten, die Organisation der Arbeiter, ist die Keimzelle der Arbeiterregierung, der Vertreter der Interessen alter armen Schichten der Bevölkerung, d.h. von neun Zehnteln der Bevölkerung, der für Frieden, Brot und Freiheit kämpft.

Der Kampf dieser drei Kräfte bestimmt die Situation, die jetzt entstanden ist und die den Übergang von der ersten zur zweiten Etappe der Revolution darstellt.“

Auf die Frage „welche Verbündeten das Proletariat in der gegenwärtigen Revolution [hat]“, antwortet Lenin: „Erstens die breite […] Masse der halbproletarischen und zum Teil kleinbäuerlichen Bevölkerung in Rußland“, welche „Frieden, Brot […] und Land [braucht]“. „Hierbei werden unsere Bestrebungen nicht nur darauf gerichtet sein, daß die Landarbeiter ihre eigenen, besonderen Sowjets schaffen, sondern auch darauf, daß die besitzlosen und armen Bauern sich getrennt von den begüterten Bauern organisieren.“
„Zweitens hat das russische Proletariat einen Verbündeten im Proletariat aller kriegführenden und überhaupt aller Länder. […] Mit diesen beiden Verbündeten kann und wird das Pro1etariat Rußlands unter Ausnutzung der Besonderheiten des gegenwärtigen Übergangsstadiums zuerst zur Eroberung der demokratischen Republik und des vollen Sieges der Bauern über die Gutsbesitzer – anstatt der Halbmonarchie der Gutschkow und Miljukow – und dann zum Sozialismus schreiten, der allein den vom Krieg gemarterten Völkern Frieden, Brot und Freiheit geben wird.“ (Brief 1 aus Lenins „Briefe aus der Ferne“, 7. (20.) März, Übersetzung von Marxist Internet Archive)
Potentiell lag die wirkliche Macht in den Händen des Sowjets. Am 9. (22.) März telegrafierte General Alexejew, Generalstabschef des Zaren, an Kriegsminister Gutschkow: „Das deutsche Joch ist nahe, wenn wir dem Sowjet weiter nachgeben.“ Dieser konnte lediglich antworten: „Die Regierung verfügt leider über keine reale Macht, in den Händen des Sowjets sind Truppen, Eisenbahn, Post und Telegraph. Man kann geradezu sagen, die Provisorische Regierung existiert nur, solange der Sowjet es zulässt.”

Verwirrung und Mangel an Klarheit

Am 8. März wurden die ersten Forderungen in Petrograd laut, die fünf Tage alte Provisorische Regierung möge aufgelöst und durch den Sowjet ersetzt werden. Allerdings herrschte unter vielen aus der lokalen bolschewistischen Führung eine Mischung von Verwirrung und Mangel an Klarheit. Während Lenin im ersten seiner „Briefe aus der Ferne“ vom Sowjet als der „Keimzelle der Arbeiterregierung“ sprach, war die vorherige, allgemeinere Formel der Bolschewiki weniger klar, wie Litwinow in seiner Broschüre von 1918 ehrlicherweise beschrieb. Der allgemeine Slogan der Bolschewiki einer „demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“ gab keine genaue Antwort auf die Frage nach dem Programm. Unter vielen führenden Bolschewiki herrschte Verwirrung, wie man sich genau zur Provisorischen Regierung verhalten sollte. Zu der Zeit gab es grundsätzlich zwei Richtungen innerhalb des Bolschewismus. Die einen meinten, man müsse die Provisorische Regierung unterstützen, wenn sie etwas positives tat. Die anderen sprachen sich für eine Kampagne für eine „Arbeiterregierung“ aus, wie Lenin es nannte. Diese Forderung wurde konkret im Slogan „Alle Macht den Sowjets“. Die Debatte wurde im April auf dem Parteitag geklärt.
Seit dem Beginn der Revolution stellten sich bedeutende Teile der Bolschewiki, wie zum Beispiel jene aus dem Wyborger Industriebezirk in Petrograd, gegen die Provisorische Regierung. Während der Februarrevolution selbst produzierten die Wyborger Bolschewiki ein Flugblatt, welches zur Wahl eines Sowjets, der Verdrängung der Autokratie und zum Übergang der Macht an den Sowjet aufrief.
Der Erfolg der Februarrevolution, der Sturz einer jahrhundertealten Alleinherrschaft und die Erlangung demokratischer Freiheiten rief natürlicherweise eine Stimmung von Glück und Befreiung hervor. Vielen, besonders den zahlreichen Menschen, die gerade erst anfingen sich in den Kampf einzubringen, kam es so vor als sei die größte Schlacht vorüber. Das war nur überhaupt nicht der Fall. Die alte herrschende Klasse behielt noch immer die Macht und war entschlossen, die Revolution zu beenden. Die Herausforderung für die Bolschewiki bestand darin, eine Mehrheit für die zweite, sozialistische Revolution zu gewinnen. Nur diese würde die Ziele und Wünsche der arbeitenden Menschen erfüllen können. Politisch musste sich das auf – in Lenins Worten aus einem Telegram vom 6. (19.) März – folgendes stützen: „Kein Vertrauen, keine Unterstützung für die neue Regierung“.
Natürlich gab es die ernste Aufgabe, die Revolution zu verteidigen. Doch für einige führende Bolschewiki hieß das, die kapitalistische Provisorische Regierung zu unterstützen, „solange sie gegen Reaktion und Konterrevolution kämpft“. Diese Position wiederum ignorierte die Tatsache, dass sich die Regierung auf die Weiterführung des Kapitalismus stützte. Wie die Bolschewiki später im August zeigten, als sie den konterrevolutionären Kornilow-Putsch abwehrten, gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Kampf gegen die Reaktion und der politischen Unterstützung einer pro-kapitalistischen Regierung.

Kampf gegen die Reaktion

Trotzki beschreibt in seiner „Geschichte der Russischen Revolution“ die verwirrte, ursprüngliche Position der Bolschewiki in Russland auf die Fragen der Revolution:
„Der erste Monat der Revolution war für den Bolschewismus eine Zeit der Fassungslosigkeit und Schwankungen. Im Manifest des Zentralkomitees der Bolschewiki, verfaßt gleich nach dem Siege des Aufstandes, hieß es, „die Arbeiter der Fabriken und Werkstätten wie auch die aufständischen Truppen müssen sofort ihre Vertreter in die revolutionäre Provisorische Regierung wählen“. Das Manifest war im offiziellen Organ des Sowjets ohne Kommentare und Widerreden abgedruckt worden, als betreffe es nur eine akademische Frage. Doch auch die leitenden Bolschewiki verliehen ihrer Losung rein demonstrative Bedeutung. Sie handelten nicht wie Vertreter einer proletarischen Partei, die sich zum selbständigen Kampf um die Macht vorbereitet, sondern als linker Flügel der Demokratie, der, seine Prinzipien verkündend, die Absicht hat, während einer unbestimmt langen Zeit die Rolle der loyalen Opposition zu spielen.
Suchanow behauptet, daß in der Sitzung des Exekutivkomitees vom 1. März im Zentrum der Beratungen nur die Bedingungen der Machtübergabe standen: gegen die Tatsache der Bildung einer bürgerlichen Regierung selbst hätte sich keine einzige Stimme erhoben, ungeachtet dessen, daß im Exekutivkomitee von den 39 Mitgliedern 11 zu den Bolschewiki und den diesen Nahestehenden zählten, darunter drei Mitglieder des Zentrums, Salutzki, Schljapnikow und Molotow.
Am nächsten Tage stimmten im Sowjet, nach einem Bericht Schljapnikows selbst, von den anwesenden 400 Deputierten im ganzen 19 Mann gegen die Übergabe der Macht an die Bourgeoisie, während die bolschewistische Fraktion bereits an die 40 Mann zählte. Die Abstimmung an sich verlief vollkommen unbemerkt, in formell-parlamentarischer Ordnung, ohne klare Gegenvorschläge seitens der Bolschewiki, ohne Kampf und ohne jegliche Agitation in der bolschewistischen Presse.
Am 4. März beschloß das Büro des Zentralkomitees eine Resolution über den konterrevolutionären Charakter der Provisorischen Regierung und die Notwendigkeit, den Kurs auf die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zu halten. Das Petrograder Komitee, das nicht ohne Grund diese Resolution als akademisch bezeichnete, da sie überhaupt nicht sagte, was im Augenblick zu tun sei, ging an das Problem vom entgegengesetzten Ende heran. „Der vom Sowjet angenommenen Resolution über die Provisorische Regierung Rechnung tragend“, erklärte es, „der Macht der Provisorischen Regierung nicht entgegenzuwirken, insofern wie …“ Im wesentlichen war es die Position der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, nur auf die zweite Schützengrabenlinie zurückverlegt. Die offen opportunistische Resolution des Petrograder Komitees widersprach nur der Form nach der Position des Zentralkomitees, deren akademischer Charakter nichts anderes bedeutete als die politische Versöhnung mit der vollzogenen Tatsache.“ (Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Kap. 15, Übersetzung MIA)
Trotzki beschrieb weiter, wie einige führende Bolschewiki die Partei weiter in Richtung einer menschewistischen Position drängten als sie aus dem staatlichen Exil zurückkehrten. Sie akzeptierten die Provisorische Regierung und argumentierten nicht für die Machtübernahme durch den Sowjet.
„Das Mitglied der ausländischen Redaktion des Zentralorgans, Kamenjew, das Mitglied des Zentralkomitees, Stalin, und der Dumadeputierte Muranow, ebenfalls aus Sibirien zurückgekehrt, schoben die alte, zu ‚linke‘ Redaktion der Prawda beiseite und nahmen, auf ihre problematischen Rechte gestützt, am 15. März die Zeitung in ihre Hände. Im Programmartikel der neuen Redaktion wurde verkündet, die Bolschewiki würden die Provisorische Regierung entschieden unterstützen, ‚insofern sie gegen Reaktion und Konterrevolution kämpft‘. In der Frage des Krieges sprachen sich die neuen Leiter nicht weniger kategorisch aus: solange die deutsche Armee ihrem Kaiser gehorcht, müßte der russische Soldat ‚fest auf seinem Posten stehen, Kugel mit Kugel und Geschoß mit Geschoß beantworten‘. ‚Nicht das inhaltlose ‚Nieder mit dem Krieg‘ ist unsere Losung. Unsere Losung ist – der Druck auf die Provisorische Regierung mit dem Ziele, sie zu zwingen … mit einem Versuch hervorzutreten, alle kämpfenden Länder zur sofortigen Aufnahme von Friedensverhandlungen zu bewegen … Bis dahin bleibt aber jeder auf seinem Kampfposten!‘ Idee wie Formulierung sind durch und durch im Geiste der Landesverteidigung. Das Programm des Druckes auf die imperialistische Regierung mit dem Ziele, diese zur friedlichen Handlungsweise ‚zu bewegen‘, war das Programm Kautskys in Deutschland, Jean Longuets in Frankreich, Macdonalds in England, keinesfalls aber das Programm Lenins, der zur Niederwerfung der imperialistischen Herrschaft aufrief. In ihrer Verteidigung vor der patriotischen Presse ging die Prawda noch weiter: ‚Jeglicher ‚Defätismus‘‘, schrieb sie, ‚oder richtiger das, was die nicht wählerische Presse unter dem Schutze der zaristischen Zensur mit diesem Namen brandmarkte, starb in dem Augenblick, als in den Straßen Petrograds das erste revolutionäre Regiment erschien.‘ (Trotzki, ebenda)
In anderen Worten vermischten Kamenjew und Stalin die Verteidigung der Revolution mit der Verteidigung der kapitalistischen Provisorischen Regierung, welche zu dieser Zeit in ihrer großen Mehrheit aus kapitalistischen Politikern bestand.
Die schnellen Ereignisse des März deuteten die grundlegenden Konfliktpunkte an, welche die folgenden acht Monate dominieren würde. Genauso offenbarten sie die politischen Probleme, welche die Bolschewiki klären mussten, wenn sie die herrschende Klasse bezwingen wollten. Da klar war, dass die „Doppelherrschaft“ nicht für ewig aufrechterhalten werden konnte, stellte sich die Frage: „Wer setzt sich durch?“
Würde die herrschende Klasse die revolutionäre Welle bezwingen können oder würde die russische Arbeiterklasse die Möglichkeit nutzen, den Krieg zu beenden und den revolutionären Sturz des Kapitalismus anzuführen? Das wurden die Schlüsselfragen der kommenden Monate.