Wladimir I. Lenin: Briefe aus der Ferne(1)

[Geschrieben am 20., 22., 24., und 25. März und 8. April (7., 9. 11., 12. und 26. März) 1917. Erster Brief zum ersten Mal veröffentlicht in der „Prawda“ Nr. 14 u. 15, 3. u. 4. April (21. u. 22. März) 1917, gezeichnet: N. Lenin; zweiter bis fünfter Brief zum ersten Mal veröffentlicht 1924 im „Lenin-Sammelbuch“ Nr. 2. Nach Sämtliche Werke, Band 20.1, Wien-Berlin 1928, S. 14-62]

Erster Brief: Die erste Etappe der ersten Revolution

Die erste Revolution, vom imperialistischen Weltkrieg erzeugt, ist ausgebrochen. Diese erste Revolution wird sicher nicht die letzte sein.

Die erste Etappe dieser ersten Revolution, der russischen Revolution vom 1. März 1917, ist, soweit die dürftigen Nachrichten, die dem Schreiber dieser Zeilen in der Schweiz vorliegen, ein Urteil zulassen, abgeschlossen. Diese erste Etappe wird sicher nicht die letzte Etappe unserer Revolution sein.

Wie konnte das „Wunder“ geschehen, dass in kaum acht Tagen – diese Frist wird in dem prahlerischen Telegramm des Herrn Miljukow an alle Vertreter Russlands im Auslande genannt – eine Monarchie zerfiel, die Jahrhunderte überdauerte und die in den Jahren 1905-1907, drei Jahren der gewaltigsten Klassenkämpfe des gesamten Volkes, allen Anstürmen standgehalten hat?

In der Natur und in der Geschichte gibt es keine Wunder, aber jede Revolution ist, wie jede jähe Wendung der Geschichte, so inhaltsreich, bringt so unerwartet eigenartige Kombinationen der Kampfformen und Konstellationen der kämpfenden Kräfte, dass vieles dem Spießerhirn als Wunder erscheinen muss.

Damit die Zarenmonarchie im Laufe von wenigen Tagen zerfallen konnte, war die Verknüpfung einer ganzen Reihe von Umständen von weltgeschichtlicher Bedeutung erforderlich. Führen wir die wichtigsten an:

Die jetzige, zweite Revolution hätte sich unmöglich so schnell entwickeln und ihre Anfangsetappe im Laufe von wenigen Tagen abschließen können, wenn das russische Proletariat in den drei Jahren von 1905-1907 nicht die gewaltigsten Klassenschlachten durchgemacht und die größte revolutionäre Energie an den Tag gelegt hätte. Die erste Revolution (1905) hat den Boden tief aufgewühlt, hat jahrhundertealte Vorurteile mit der Wurzel ausgerissen und Millionen von Arbeitern und dutzende Millionen von Bauern zum politischen Leben und zum politischen Kampfe erweckt, sie hat alle Klassen (und alle wichtigen Parteien) der russischen Gesellschaft einander – und der ganzen Welt – gezeigt in ihrer wirklichen Natur, in dem wirklichen Wechselverhältnis ihrer Interessen, ihrer Kräfte, ihrer Aktionsmethoden, ihrer nächsten und ferneren Ziele. Die erste Revolution und die darauffolgende Epoche der Konterrevolution (1907-1914) hat das Wesen der Zarenmonarchie bloßgelegt und ihre ganze Fäulnis, die Niedertracht, den ganzen Zynismus und die Verworfenheit der zaristischen Bande, deren Anführer das Ungeheuer Rasputin war, alle Bestialitäten der Familie Romanow enthüllt, dieser Pogromhelden, die den Boden Russlands mit dem Blute der Juden, der Arbeiter und Revolutionäre getränkt hatten, der Romanows, die als Großgrundbesitzer die „Ersten unter Gleichen“ waren, die Millionen von Desjatinen Land besaßen, die zu jeder Bestialität, jedem Verbrechen bereit waren, die bereit waren, jede beliebige Anzahl von Staatsbürgern zugrunde zu richten und zu erdrosseln, um ihr eigenes „geheiligtes Eigentum“ und das ihrer Klasse zu schützen.

Ohne die Revolution von 1905-1907, ohne die Konterrevolution von 1907-1914 wäre eine so genaue „Selbstbestimmung“ aller Klassen des russischen Volkes und der übrigen Russland bewohnenden Völker unmöglich gewesen; sie hätten nicht ihr Verhältnis zueinander und zum Zarismus so feststellen können, wie das in den acht Tagen der Februar- und Märzrevolution des Jahres 1917 zum Ausdruck gekommen ist. Diese achttägige Revolution wurde – wenn der Vergleich erlaubt ist – so „gespielt“, als ob vorher ein Dutzend Proben und Generalproben stattgefunden hätten; die „Akteure“ kannten einander, sie kannten ihre Rollen, ihre Plätze, sie kannten ihre Umgebung bis in die kleinsten Einzelheiten, bis in die kleinsten Schattierungen der politischen Richtungen und Aktionsmethoden.

Damit aber die erste, die große Revolution des Jahres 1905, die von den Herren Gutschkow und Miljukow und ihren Nachbetern als eine „große Meuterei“ verworfen wurde, nach 12 Jahren zu der „glänzenden“ „glorreichen Revolution“ des Jahres 1917 führen konnte, die die Gutschkow und Miljukow als „glorreich“ bezeichnen, weil sie sie (einstweilen) an die Macht gebracht hat, war ein großer, starker und mächtiger „Regisseur“ erforderlich, der imstande war, einerseits die Entwicklung der Weltgeschichte in unerhörtem Maße zu beschleunigen und anderseits wirtschaftliche, politische, nationale und internationale Krisen von unerhörter Wucht hervorzurufen. Außer der ungewöhnlichen Beschleunigung der weltgeschichtlichen Entwicklung waren besonders jähe Wendungen dieser Entwicklung erforderlich, damit bei einer dieser Wendungen der blut- und schmutzbesudelte Karren der Monarchie der Romanows mit einem Schlage umstürzen konnte.

Dieser gewaltige, die Entwicklung machtvoll beschleunigende „Regisseur“ war der imperialistische Weltkrieg.

Es unterliegt heute schon keinem Zweifel mehr, dass es ein Weltkrieg ist, denn die Vereinigten Staaten und China sind heute schon halb in den Krieg hineingezogen und werden morgen ganz in ihn hineingezogen werden.

Es unterliegt heute schon keinem Zweifel mehr, dass beide Seiten einen imperialistischen Krieg führen. Nur die Kapitalisten und ihre Gefolgschaft, die Sozialpatrioten und Sozialchauvinisten, können diese Tatsache leugnen oder vertuschen. Der Krieg wird sowohl von der deutschen als auch von der englisch-französischen Bourgeoisie geführt um den Raub fremder Länder, mit dem Ziel der Erdrosselung der kleinen Völker, um die finanzielle Weltherrschaft, um die Teilung und Neuaufteilung der Kolonien, um die Rettung der untergehenden kapitalistischen Ordnung durch die Verdummung und Entzweiung der Arbeiter der verschiedenen Länder.

Der imperialistische Krieg musste mit objektiver Unvermeidlichkeit den Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie außerordentlich beschleunigen und unerhört zuspitzen, musste in den Bürgerkrieg zwischen den feindlichen Klassen umschlagen.

Dieses Umschlagen begann mit der Februar-Märzrevolution des Jahres 1917, in deren erster Etappe zwei Mächte vereint den Zarismus schlugen: einerseits das gesamte bürgerliche und gutsherrliche Russland mit allen seinen unbewussten Nachläufern und allen seinen bewussten Lenkern, den englisch-französischen Botschaftern und Kapitalisten – und anderseits der Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Diese drei politischen Lager, die drei politischen Hauptkräfte:

1. die zaristische Monarchie, das Haupt der feudalen Großgrundbesitzer, das Haupt der alten Bürokratie und der hohen Militärs,

2. das bürgerliche und gutsherrliche Russland der Oktobristen und Kadetten, hinter dem das Kleinbürgertum einher trottete, 3. der Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der seine Verbündeten im gesamten Proletariat und in der gesamten Masse der ärmsten Bevölkerung sucht – diese drei grundlegenden politischen Kräfte traten bereits in den acht Tagen der „ersten Etappe“ mit so völliger Klarheit in Erscheinung, dass sie sogar einem vom Schauplatz der Ereignisse so entfernten Beobachter, wie dem Schreiber dieser Zeilen, der sich mit den dürftigen Telegrammen der ausländischen Zeitungen begnügen musste, erkennbar waren.

Bevor ich jedoch hierauf ausführlicher eingehe, muss ich zu dem Teil meines Briefes zurückkehren, der dem ausschlaggebenden Faktor gewidmet ist – dem imperialistischen Weltkriege.

Der Krieg hat die kriegführenden Mächte, die kriegführenden Gruppen der Kapitalisten, die „Herren“ der kapitalistischen Ordnung, die kapitalistischen Sklavenhalter mit eisernen Ketten aneinandergefesselt. Ein einziger blutiger Knäuel, das ist das Bild des gesellschaftlichen und politischen Lebens im gegenwärtigen geschichtlichen Augenblick.

Die Sozialisten, die mit dem Beginn des Krieges auf die Seite der Bourgeoisie übergingen, alle diese Davide und Scheidemänner in Deutschland, die Plechanow, Potressow, Gwosdew und Co. in Russland haben lange und aus voller Kehle gegen die „Illusionen“ der Revolutionäre gezetert, gegen die „Illusionen“ des Baseler Manifestes2, gegen die „Phantasterei“ der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg. Sie haben in allen Tonarten die angeblich vom Kapitalismus offenbarte Macht, Lebenskraft und Anpassungsfähigkeit besungen, – sie, die den Kapitalisten geholfen haben, die Arbeiterklasse der verschiedenen Länder „anzupassen“, zu zähmen, zu verdummen und zu entzweien.

Aber „wer zuletzt lacht, lacht am besten“. Nicht lange hat die Bourgeoisie die revolutionäre Krise, das Ergebnis des Krieges, hinausschieben können. Die Krise reift mit unwiderstehlicher Kraft in allen Ländern heran, von Deutschland angefangen, wo gegenwärtig, nach dem Ausdruck eines Beobachters, der vor kurzem in Deutschland war, der „genial organisierte Hunger“ herrscht, bis zu England und Frankreich, wo ebenfalls der Hunger naht, wo aber die Organisation bedeutend weniger „genial“ ist.

Es ist natürlich, dass die revolutionäre Krise im zaristischen Russland, wo die Desorganisation am ungeheuerlichsten war und wo das Proletariat am revolutionärsten ist (nicht dank seinen besonderen Eigenschaften, sondern dank den lebendigen Traditionen von 1905), früher als anderswo ausgebrochen ist. Der Ausbruch dieser Krise wurde durch eine Reihe schwerster Niederlagen beschleunigt, die Russland und seine Verbündeten erlitten hatten. Die Niederlagen haben die ganze alte Regierungsmaschine und die ganze alte Ordnung erschüttert, sie haben alle Klassen der Bevölkerung gegen sie aufgebracht und die Armee erbittert, sie haben das alte höhere Offizierskorps, das aus verknöcherten Adligen und im höchsten Maße bürokratisch-korrupten Elementen bestand, zu einem großen Teil vernichtet, es durch jüngere, frischere Elemente ersetzt, die vorwiegend der Bourgeoisie, den freien Berufen und dem Kleinbürgertum entstammen.

Wenn aber die militärischen Niederlagen die Rolle eines negativen Faktors spielten, der die Explosion beschleunigte, so war die Verbindung des englisch-französischen Finanzkapitals, des englisch-französischen Imperialismus mit dem oktobristisch-kadettischen Kapital Russlands ein Faktor, der die Entwicklung der Krise beschleunigte.

Diese außerordentlich wichtige Seite der Sachlage wird von der englisch-französischen Presse aus leicht verständlichen Gründen verschwiegen, während sie von der deutschen Presse schadenfroh unterstrichen wird. Wir Marxisten müssen der Wahrheit nüchtern ins Auge sehen, wir dürfen uns weder durch die offiziellen Lügen der aalglatten Diplomaten und Minister der einen kriegführenden Gruppe von Imperialisten noch durch das hämische Grinsen und die Schadenfreude ihrer finanziellen und militärischen Konkurrenten der anderen kriegführenden Gruppe beeinflussen lassen. Der ganze Verlauf der Februar-Märzrevolution zeigt deutlich, dass die englische und die französische Botschaft, die durch ihre Agenten und „Verbindungen“ seit langem die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht haben, ein „separates“ Übereinkommen und einen Separatfrieden zwischen Nikolaus dem Zweiten (wir wollen hoffen und uns bemühen, dass er der letzte bleibt) und Wilhelm dem Zweiten zu verhindern, dass sie unmittelbar bestrebt waren, Nikolaus Romanow abzusetzen3.

Machen wir uns keine Illusionen.

Die Revolution konnte nur deshalb so rasch und – äußerlich, auf den ersten, oberflächlichen Blick hin – so „radikal“ siegen, weil sich völlig verschiedene Strömungen, völlig heterogene Klasseninteressen, völlig entgegengesetzte politische und soziale Bestrebungen dank einer außerordentlich originellen historischen Situation vereinigten und merkwürdig „geschlossen“ auftraten. Einerseits die Verschwörung der englisch-französischen Imperialisten, die Miljukow, Gutschkow und Co. dazu drängten, die Macht zu ergreifen, – damit der imperialistische Krieg fortgesetzt, damit er noch erbitterter und hartnäckiger geführt werden kann, damit neue Millionen von russischen Arbeitern und Bauern hingeschlachtet werden, damit die Gutschkow – Konstantinopel, die französischen Kapitalisten – Syrien, die englischen Kapitalisten – Mesopotamien usw. erhalten können. Auf der anderen Seite eine tiefgehende revolutionäre Bewegung des Proletariats und der Volksmassen (der gesamten besitzlosen Bevölkerung in Stadt und Land) für Brot, für Frieden, für wirkliche Freiheit.

Die revolutionären Arbeiter und Soldaten haben die schändliche Zarenmonarchie bis in ihre Grundfesten zerstört, ohne sich davon hinreißen oder stören zu lassen, dass der Kampf der Buchanan, Gutschkow, Miljukow und Co., die nur den einen Zaren durch einen anderen ersetzen wollten, ihnen in einem gewissen, kurzen, eigenartigen geschichtlichen Augenblick zu Hilfe kam.

So und nicht anders haben sich die Dinge abgespielt. So und nicht anders muss der Politiker urteilen, der die Wahrheit nicht fürchtet, der das Verhältnis der gesellschaftlichen Kräfte in der Revolution nüchtern abwägt, der jede politische Situation nicht nur vom Standpunkt ihrer ganzen gegebenen, momentanen Eigenart abschätzt, sondern auch vom Standpunkt ihrer tieferen Triebkräfte, des tieferen Wechselverhältnisses der Interessen des Proletariats und der Interessen der Bourgeoisie in Russland und auch in der ganzen Welt.

Die Petersburger Arbeiter und Soldaten haben ebenso wie die Arbeiter und Soldaten ganz Russlands mit der größten Hingebung gekämpft gegen die Zarenmonarchie, für die Freiheit, für die Übergabe des Landes an die Bauern, für den Frieden, gegen den imperialistischen Massenmord. Das englisch-französische imperialistische Kapital hat, um diesen Massenmord fortsetzen und steigern zu können, Palastintrigen gesponnen, eine Verschwörung angezettelt, die Gutschkow und Miljukow angestiftet und ermutigt, und eine fertige neue Regierung zusammengestellt, die denn auch sofort nach den ersten Schlägen des Proletariats gegen den Zarismus die Macht an sich gerissen hat.

Die Zusammensetzung dieser Regierung ist nicht zufällig.

Es sind Vertreter einer neuen Klasse, die in Russland zur politischen Macht aufsteigt, der Klasse der kapitalistischen Grundbesitzer und der Bourgeoisie, die unser Land seit langem wirtschaftlich beherrscht und die sich sowohl in den Jahren der Revolution von 1905-1907 als auch in den Jahren der Konterrevolution von 1907-1914 und schließlich – und zwar mit besonderer Schnelligkeit – während der Kriegsjahre 1914-1917 außerordentlich rasch politisch organisierte, indem sie die örtlichen Selbstverwaltungsorgane und das Gebiet der Volksbildung, Kongresse verschiedener Art, die Reichsduma, die Kriegsindustrie-Komitees usw. eroberte. Diese neue Klasse war schon im Jahre 1917 „beinahe ganz“ an der Macht; deshalb bedurfte es nur weniger Stöße, um den Zarismus zu stürzen und die Bahn für die Bourgeoisie freizumachen. Der imperialistische Krieg erforderte eine ungeheure Anspannung der Kräfte und hat dadurch die Entwicklung des zurückgebliebenen Russland so beschleunigt, dass wir Italien und England und fast auch Frankreich „mit einem Sprung“ (in Wirklichkeit nur scheinbar mit einem Sprunge) eingeholt und eine „parlamentarische“, „nationale“ (d. h. für das Geschäft der imperialistischen Metzelei und des Volksbetruges besser geeignete) „Koalitionsregierung“ erhalten haben.

Neben dieser Regierung – vom Standpunkt des gegenwärtigen Krieges im Grunde genommen einem bloßen Kommis der Milliarden-„Firmen“ England und Frankreich – ist eine neue, inoffizielle, noch unentwickelte, verhältnismäßig noch schwache Arbeiterregierung entstanden, die die Interessen des Proletariats und des gesamten ärmeren Teiles der Bevölkerung in Stadt und Land zum Ausdruck bringt. Das ist der Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten in Petersburg.

Das ist die wirkliche politische Lage, die wir vor allem mit der größtmöglichen objektiven Genauigkeit untersuchen müssen, um unsere marxistische Taktik auf der einzigen soliden Grundlage aufzubauen, auf der sie aufgebaut werden kann, – auf der Grundlage von Tatsachen.

Die Zarenmonarchie ist gestürzt, aber noch nicht vernichtet.

Die bürgerliche Regierung der Kadetten und Oktobristen, die den imperialistischen Krieg „bis zu Ende“ führen will, ist in Wirklichkeit ein Kommis der Finanzfirma „England und Frankreich“, sie ist gezwungen, dem Volk ein Höchstmaß von Freiheiten und Zugeständnissen zu versprechen, soweit sie damit vereinbar sind, dass diese Regierung ihre Macht über das Volk und die Möglichkeit, den imperialistischen Massenmord fortzusetzen, behält.

Der Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist die Keimzelle einer Arbeiterregierung. Er ist der Vertreter der Interessen aller ärmeren Schichten der Bevölkerung, d. h. von neun Zehnteln der Bevölkerung, die Frieden, Brot und Freiheit verlangen.

Der Kampf dieser drei Faktoren kennzeichnet die Situation, die jetzt eingetreten ist und die den Übergang von der ersten Etappe der Revolution zur zweiten bildet.

Wenn ein wirklicher Kampf gegen die Zarenmonarchie geführt werden soll, wenn man sich nicht mit den Worten und Versprechungen der Schönredner des Liberalismus begnügen, sondern die Freiheit wirklich sichern will, dann müssen nicht die Arbeiter die neue Regierung unterstützen, dann muss diese Regierung die Arbeiter „unterstützen“! Denn die einzige Garantie der Freiheit und der endgültigen Vernichtung des Zarismus ist die Bewaffnung des Proletariats und die Festigung, die Steigerung der Rolle, der Bedeutung und der Macht des Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Alles andere ist Phrase und Lüge, ist Selbstbetrug der politischen Schieber aus dem liberalen und radikalen Lager.

Helft die Arbeiter bewaffnen oder stört sie wenigstens nicht dabei – dann wird die Freiheit in Russland unbesiegbar sein, die Monarchie wird nicht wieder hergestellt werden können, und die Republik wird gesichert sein.

Alles andere ist Volksbetrug. Versprechungen sind billig. Versprechungen kosten nichts. In allen bürgerlichen Revolutionen haben alle politischen Schieber der Bourgeoisie das Volk mit Versprechungen „gefüttert“ und die Arbeiter zum Narren gehalten.

Unsere Revolution ist eine bürgerliche Revolution, deshalb müssen die Arbeiter die Bourgeoisie unterstützen, – so sagen die völlig unfähigen Politiker aus dem Lager der Liquidatoren.

Unsere Revolution ist eine bürgerliche – so sagen wir Marxisten –, deshalb müssen die Arbeiter das Volk über den Betrug der politischen Schieber der Bourgeoisie aufklären und es lehren, nicht an Worte zu glauben und sich nur auf die eigenen Kräfte, auf die eigene Organisation, auf die eigene Einigkeit, auf die eigene Bewaffnung zu verlassen.

Die Regierung der Oktobristen und Kadetten, der Gutschkow und Miljukow, kann dem Volk weder Frieden noch Brot noch Freiheit geben, selbst wenn sie das aufrichtig wollte.

Diese Regierung kann dem Volke keinen Frieden geben, weil sie eine Regierung des Krieges ist, eine Regierung der Fortsetzung des imperialistischen Mordens, eine Regierung des Länderraubes, die die zaristische Politik der Annexion Armeniens, Galiziens, der Türkei, der Eroberung Konstantinopels, der Wiedereroberung Polens, Kurlands, Litauens usw. bis jetzt noch mit keinem Wort abgelehnt hat. Diese Regierung ist durch das englisch-französische imperialistische Kapital an Händen und Füßen gefesselt. Das russische Kapital ist nur eine Filiale der „Weltfirma“, die mit Hunderten von Milliarden Rubel wirtschaftet und den Namen führt: „England und Frankreich“.

Diese Regierung kann dem Volke kein Brot geben, weil sie eine bürgerliche Regierung ist. Im besten Falle wird sie dem Volk nach dem Beispiel Deutschlands einen „genial organisierten Hunger“ bringen. Aber das Volk will keinen Hunger leiden. Das Volk wird erfahren und sicher bald, dass Brot vorhanden ist und beschafft werden kann, aber nur mit Hilfe von Maßnahmen, die nicht Halt machen vor der Heiligkeit des Kapitals und des Grundbesitzes.

Diese Regierung kann dem Volke keine Freiheit geben, weil sie eine Regierung der Grundbesitzer und Kapitalisten ist, die das Volk fürchten.

Über die taktischen Aufgaben unseres nächsten Verhaltens dieser Regierung gegenüber werden wir in einem anderen Artikel sprechen. Wir werden dort zeigen, worin die Eigenart der gegenwärtigen Situation – des Überganges von der ersten zur zweiten Etappe der Revolution – besteht und warum in diesem Augenblick die Losung, die „Tagesparole“ gilt: Arbeiter, ihr habt im Bürgerkrieg gegen den Zarismus Wunder an proletarischem Heldenmut vollbracht, ihr müsst Wunder vollbringen bei der Organisierung des Proletariats und des gesamten Volkes, um euern Sieg in der zweiten Etappe der Revolution vorzubereiten.

Wir beschränken uns hier auf die Analyse des Klassenkampfes und des Verhältnisses der Klassenkräfte während der gegenwärtigen Etappe der Revolution, wir müssen aber noch die Frage beantworten: welches sind die Bundesgenossen des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution?

Das Proletariat hat zwei Bundesgenossen: erstens die breite, viele Dutzende von Millionen zählende Masse der halb proletarischen und zum Teil kleinbürgerlichen Elemente, die in Russland die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Diese Masse braucht Frieden, Brot, Freiheit, Land. Diese Masse wird von der Bourgeoisie und besonders vom Kleinbürgertum unvermeidlich in einem gewissen Maße beeinflusst werden, da sie infolge ihrer Lebensbedingungen dem Kleinbürgertum am nächsten steht und zwischen Bourgeoisie und Proletariat hin und her schwankt. Die grausamen Lehren des Krieges, die um so grausamer sein werden, je energischer die Gutschkow, Lwow, Miljukow und Co. den Krieg führen werden, werden diese Masse unweigerlich zum Proletariat drängen und sie zwingen, der Führung des Proletariats zu folgen. Wir müssen jetzt die Freiheit der neuen Ordnung und die Räte der Arbeiter- und Soldatendeputierten ausnützen und uns vor allem und hauptsächlich bemühen, diese Masse aufzuklären und zu organisieren. Es müssen Räte der Bauerndeputierten, Räte der Landarbeiter geschaffen werden – das ist eine der wichtigsten Aufgaben. Hierbei werden unsere Bestrebungen nicht nur darauf gerichtet sein, dass die Landarbeiter ihre eigenen, besonderen Räte schaffen, sondern auch darauf, dass die besitzlosen und armen Bauern sich getrennt von den wohlhabenden Bauern organisieren. Über die besonderen Aufgaben und besonderen Formen der jetzt besonders dringenden Organisationsarbeit werde ich im nächsten Brief schreiben.

Der zweite Bundesgenosse des russischen Proletariats ist das Proletariat aller kriegführenden und überhaupt aller Länder. Gegenwärtig herrscht im internationalen Proletariat infolge des Krieges eine starke Depression, und allzu häufig sprechen in seinem Namen Sozialchauvinisten, die in Europa, ebenso wie die Plechanow, Gwosdew, Potressow in Russland, zur Bourgeoisie übergelaufen sind. Aber das Proletariat hat sich mit jedem Monat, den der imperialistische Krieg währte, immer mehr von dem Einfluss der Sozialchauvinisten frei gemacht, und die russische Revolution wird diesen Prozess unvermeidlich in gewaltigem Maße beschleunigen.

Das Proletariat Russlands kann und wird die besonderen Eigenarten des gegenwärtigen Übergangsstadiums ausnützen und gestützt auf diese Bundesgenossen zuerst die demokratische Republik erkämpfen und den vollen Sieg der Bauern über die Grundherren herbeiführen, um dann zum Sozialismus vorwärts zu schreiten, der allein den vom Krieg gemarterten Völkern Frieden, Brot und Freiheit geben wird.

Zweiter Brief: Die neue Regierung und das Proletariat

Das wichtigste Dokument, das mir bis zum heutigen Tage (8. [21.] März) zur Verfügung steht, ist eine Nummer der erzkonservativen und erzbürgerlichen englischen Zeitung „Times“ vom 16. März mit einer Zusammenstellung der Meldungen über die Revolution in Russland. Es dürfte schwer fallen, eine Quelle zu finden, die der Regierung Miljukow – um es milde auszudrücken – wohlwollender gegenüberstünde.

Der Petersburger Korrespondent dieser Zeitung meldet Mittwoch, den 1. (14.) März, als erst die erste provisorische Regierung bestand, d. h. der Vollzugsausschuss der Duma4, bestehend aus 13 Mitgliedern mit Rodsjanko an der Spitze (und zwei „Sozialisten“, wie die Zeitung sie nennt, Kerenski und Tschcheïdse als Mitgliedern), folgendes:

„Eine Gruppe von 22 gewählten Mitgliedern des Reichsrates5, Gutschkow, Stachowitsch, Trubezkoi, Professor Wassiljew, Grimm, Wernadski und andere, hat gestern ein Telegramm an den Zaren gesandt ,mit der flehentlichen Bitte‘, zur Rettung der ,Dynastie‘ usw. usw. die Duma einzuberufen und ein Haupt der Regierung zu ernennen, das das ,Vertrauen der Nation‘ genießt … Es ist augenblicklich – so schreibt der Korrespondent – noch nicht bekannt, welchen Entschluss der Kaiser, der heute eintreffen soll, fassen wird, aber eines ist unzweifelhaft. Wenn seine Majestät die Wünsche der gemäßigtesten Elemente unter seinen loyalen Untertanen nicht unverzüglich erfüllt, so wird das Provisorische Dumakomitee den Einfluss, den es jetzt besitzt, ganz an die Sozialisten verlieren; diese wollen die Errichtung einer Republik, sie sind aber nicht imstande, irgendeine geordnete Regierung zu schaffen, und würden das Land unvermeidlich in eine innere Anarchie und in Bezug auf die äußere Lage in eine Katastrophe stürzen …“

Das ist doch sehr staatsmännisch-weise und äußerst klar, nicht wahr? Wie gut begreift doch der englische Gesinnungsgenosse (oder vielleicht Prinzipal) der Gutschkow und Miljukow das Verhältnis der Klassenkräfte und -interessen! Die „gemäßigtesten Elemente unter den loyalen Untertanen“, d. h. die monarchistischen Grundherren und Kapitalisten, wollen die Macht selbst ergreifen, da sie sich ganz klar darüber sind, dass sie sonst ihren „Einfluss“ an die „Sozialisten“ verlieren würden. Weshalb aber gerade an die „Sozialisten“ und nicht an irgend jemand anders? Deshalb, weil der englische Gutschkow-Mann sehr gut begreift, dass es auf dem Schauplatz der Politik keine andere gesellschaftliche Kraft gibt und geben kann. Die Revolution war das Werk des Proletariats, das Proletariat hat heldenmütig gekämpft, das Proletariat hat sein Blut vergossen, es hat die breiten Massen der Werktätigen und der armen Bevölkerung in Bewegung gebracht, das Proletariat fordert Brot, Frieden und Freiheit, es fordert die Republik, es sympathisiert mit dem Sozialismus. Das Häuflein der Grundherren und Kapitalisten aber mit den Gutschkow und Miljukow an der Spitze will den Willen oder die Bestrebungen der ungeheuren Mehrheit zuschanden machen, will einen Pakt mit der zusammenbrechenden Monarchie schließen, will sie unterstützen und retten: mögen Eure Majestät Lwow und Gutschkow ernennen, und wir werden mit der Monarchie gegen das Volk gehen. Das ist der ganze Sinn, das ist das Wesen der Politik der neuen Regierung!

Wie aber soll der Betrug am Volke, die Täuschung des Volkes, die Hintertreibung des Willens der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung gerechtfertigt werden?

Dazu ist notwendig, dass man das Volk verleumdet – die alte, aber ewig neue Methode der Bourgeoisie. Und der englische Gutschkow-Mann verleumdet, schimpft, speit und geifert: „Anarchie innen, Katastrophe außen“, keine „geordnete Regierung“!!

Das ist nicht wahr, sehr geehrter Gutschkow-Mann! Die Arbeiter wollen die Republik, die Republik aber ist eine viel „geordnetere“ Regierung als die Monarchie. Was bürgt dem Volk dafür, dass ein zweiter Romanow sich nicht einen zweiten Rasputin anschafft? Die Katastrophe aber wird gerade durch die Fortsetzung des Krieges, d. h. durch die neue Regierung, herbeigeführt. Allein die proletarische Republik, die von den Landarbeitern und den armen Bauern und Städtern unterstützt wird, kann den Frieden

gewährleisten, Brot, Ordnung und Freiheit geben.

Das Geschrei gegen die Anarchie soll nur die eigennützigen Interessen der Kapitalisten verhüllen, die sich durch den Krieg und die Kriegsanleihen bereichern und die Monarchie gegen das Volk wieder aufrichten wollen.

„… Gestern“ – so fährt der Korrespondent fort – „hat die Sozialdemokratische Partei einen Aufruf erlassen, dessen Inhalt äußerst aufrührerisch ist; dieser Aufruf wurde in der ganzen Stadt verbreitet. Sie (d. h. die Sozialdemokratische Partei) sind reine Doktrinäre. Aber in einer Zeit, wie der heutigen, sind sie imstande, ungeheures Unheil zu stiften. Herr Kerenski und Herr Tschcheïdse, die begreifen, dass sie ohne die Unterstützung der Offiziere und der gemäßigteren Elemente des Volkes nicht darauf hoffen können, die Anarchie zu verhüten, sind genötigt, auf ihre weniger verständigen Genossen Rücksicht zu nehmen, und werden unmerklich in eine Haltung gedrängt, die es der Provisorischen Regierung erschwert, ihre Aufgaben zu erfüllen…“

O, großer englischer Gutschkow-Diplomat! Wie „unverständig“ haben Sie die Wahrheit ausgeplaudert!

Die „Sozialdemokratische Partei“ und die „weniger verständigen Genossen“, auf die Kerenski und Tschcheïdse „Rücksicht nehmen müssen“, das ist offenbar das Zentralkomitee oder das Petersburger Komitee unserer durch die Januar-Konferenz von 19126 wiederhergestellten Partei, das sind dieselben „Bolschewiki“, die von den Bourgeois stets als „Doktrinäre“ beschimpft werden, weil sie treu zur „Doktrin“, d. h. zu den Grundsätzen, der Lehre und den Zielen des Sozialismus stehen. Als aufrührerisch und doktrinär beschimpft der englische Gutschkow-Mann natürlich den Aufruf und die Haltung unserer Partei, weil sie zum Kampf für die Republik, für den Frieden, für die vollständige Zerstörung der Zaren-Monarchie und um Brot für das Volk auffordert.

Brot für das Volk und Frieden – das ist Aufruhr, Ministerposten für Gutschkow und Miljukow aber – das ist „Ordnung“. Es sind altbekannte Töne!

Wie aber kennzeichnet der englische Gutschkow-Mann die Taktik der Kerenski und Tschcheïdse?

Sie ist schwankend: einerseits lobt sie der Gutschkow-Mann, weil sie „begreifen“ (ach, was für Musterknaben!), dass sie ohne die „Unterstützung“ der Offiziere und der gemäßigteren Elemente die Anarchie nicht verhüten können (wir allerdings glaubten bisher und glauben es heute noch auf Grund unserer Doktrin, unserer sozialistischen Lehre, dass es gerade die Kapitalisten sind, die Anarchie und Krieg in die menschliche Gesellschaft hinein tragen, und dass nur der Übergang der gesamten politischen Macht auf das Proletariat und das arme Volk uns von Krieg, Anarchie und Hungersnot erlösen kann!); anderseits seien sie aber „genötigt“, auf „ihre weniger verständigen Genossen“, d. h. auf die Bolschewiki, auf die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, die durch das Zentralkomitee wiederhergestellt und geeinigt worden ist, „Rücksicht zu nehmen“.

Welche Macht aber „nötigt“ Kerenski und Tschcheïdse auf die Bolschewistische Partei „Rücksicht zu nehmen“, der sie niemals angehört haben, die sie selbst bzw. ihre literarischen Vertreter (die „Sozialrevolutionäre“, die „Volkssozialisten“7, die menschewistischen „Okisten“8 usw.) stets beschimpft, kritisiert und als einen unbedeutenden illegalen Zirkel, als eine Sekte von Doktrinären usw. bezeichnet haben?

Wo und wann hat man gesehen, dass Politiker, die nicht verrückt geworden sind, in einer revolutionären Zeit, wo doch hauptsächlich die Massen in Aktion sind, auf „Doktrinäre“ „Rücksicht nehmen“??

Unser armer englischer Gutschkow-Mann hat sich in seinen eigenen Widersprüchen verwickelt und er hat weder eine ganze Lüge noch die ganze Wahrheit gesagt und nur sich selbst verraten.

Der Einfluss, den die Sozialdemokratische Partei des Zentralkomitees9 auf das Proletariat, auf die Massen ausübt, hat Kerenski und Tschcheïdse genötigt, auf diese Partei Rücksicht zu nehmen. Unsere Partei erwies sich als mit den Massen, mit dem revolutionären Proletariat verbunden, trotzdem bereits im Jahre 1914 unsere Abgeordneten verhaftet und nach Sibirien verbannt worden waren, trotzdem das Petersburger Komitee wegen der illegalen Arbeit, die es während des Krieges gegen den Krieg und gegen den Zarismus leistete, die schärfsten Verfolgungen und Verhaftungen erdulden musste.

„Tatsachen sind ein hartnäckiges Ding“, sagt ein englisches Sprichwort. Gestatten Sie, dass wir Sie daran erinnern, sehr verehrter englischer Gutschkow-Mann! Die Tatsache der Führung oder zumindest rückhaltlosen Unterstützung der Petersburger Arbeiter durch unsere Partei in den großen Tagen der Revolution musste der englische Gutschkow-Mann „selber“ zugeben. Ebenso musste er die Tatsache zugeben, dass Kerenski und Tschcheïdse zwischen Bourgeoisie und Proletariat hin- und herpendeln. Die Gwosdew-Leute, die „Oboronzy“, d. h. die Sozialchauvinisten, d. h. die Verteidiger des imperialistischen Raubkrieges, leisten jetzt der Bourgeoisie bedingungslos Gefolgschaft. Kerenski ist durch den Eintritt in das Ministerium, d. h. in die zweite Provisorische Regierung, gleichfalls vollkommen auf die Seite der Bourgeoisie übergegangen; Tschcheïdse hat das nicht getan, er schwankt noch immer zwischen der Provisorischen Regierung der Bourgeoisie, den Gutschkow und Miljukow, und der „provisorischen Regierung“ des Proletariats und der armen Volksmassen, dem Rat der Arbeiterdeputierten und der vom Zentralkomitee vereinigten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

Die Revolution hat also das bestätigt, was wir besonders betont haben, als wir die Arbeiter aufforderten, sich den Klassenunterschied zwischen den wichtigsten Parteien und den wichtigsten Richtungen in der Arbeiterbewegung und dem Kleinbürgertum klarzumachen – das, was wir z. B. in der Nummer 47 des Genfer „Sozialdemokrat“ vor fast anderthalb Jahren, am 13. Oktober 1915, geschrieben haben:

„Eine Teilnahme von Sozialdemokraten an einer provisorischen revolutionären Regierung gemeinsam mit dem demokratischen Kleinbürgertum halten wir nach wie vor für zulässig, nicht aber eine Teilnahme gemeinsam mit revolutionären Chauvinisten. Als revolutionäre Chauvinisten bezeichnen wir diejenigen, die den Zarismus besiegen wollen, um über Deutschland siegen zu können, – um des Länderraubs willen, um die Herrschaft der Großrussen über die übrigen Völker Russlands zu befestigen usw. Die Grundlage des revolutionären Chauvinismus ist die Klassenlage des Kleinbürgertums. Es schwankt stets zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Gegenwärtig schwankt es zwischen dem Chauvinismus (der es hindert, konsequent revolutionär selbst im Sinne der demokratischen Revolution zu sein) und dem proletarischen Internationalismus. Die politischen Wortführer des Kleinbürgertums sind gegenwärtig in Russland die Trudowiki10, die Sozialrevolutionäre, die Gruppe der ,Nascha Sarja‘ (heute ,Djelo’11), die Fraktion Tschcheïdse, das Organisationskomitee, Herr Plechanow usw. Wenn die revolutionären Chauvinisten in Russland siegten, so würden wir gegen eine Verteidigung ihres ,Vaterlandes‘ im gegenwärtigen Krieg sein. Unsere Losung ist: ,Gegen die Chauvinisten, auch wenn sie Revolutionäre und Republikaner sind, gegen sie und für das Bündnis des internationalen Proletariats zur Durchführung der sozialistischen Revolution.'“

Doch kehren wir zu dem englischen Gutschkow-Mann zurück.

„… Das Provisorische Dumakomitee“ – fährt er fort – „hat in Anbetracht der Gefahren, die ihm drohen, absichtlich davon Abstand genommen, seinen ursprünglichen Plan durchzuführen und die Minister zu verhaften, obgleich das gestern denkbar leicht gewesen wäre. Dadurch wurde die Tür der Verhandlungen offen gelassen und wir (,wir‘, das ist das englische Finanzkapital und der englische Imperialismus) können darum alle Vorteile des neuen Regimes erlangen, ohne die schreckliche Prüfung der Kommune und die Anarchie des Bürgerkrieges durchmachen zu müssen …“

Die Gutschkow-Leute waren für einen Bürgerkrieg in ihrem Interesse, sie sind gegen einen Bürgerkrieg im Interesse des Volkes, d. h. der wirklichen Mehrheit der Werktätigen.

„… Die Beziehungen zwischen dem Provisorischen Dumakomitee, das die ganze Nation repräsentiert“ (das Komitee der vierten Duma, der Großgrundbesitzer- und Kapitalisten-Duma!12), „und dem Arbeiterdeputiertenrat, der reine Klasseninteressen vertritt“ (das ist die Sprache eines Diplomaten, der irgendwelche gelehrte Ausdrücke aufgegriffen hat und der die Tatsache verbergen will, dass der Arbeiterdeputiertenrat das Proletariat und die armen Volksmassen, d. h. neun Zehntel der Bevölkerung vertritt), „aber in einer Krise, wie der gegenwärtigen, über eine ungeheure Macht verfügt, – haben unter verständigen Leuten, die mit der Möglichkeit folgenschwerster Zusammenstöße zwischen dem Komitee und dem Rat rechnen, nicht wenig Befürchtungen geweckt.

Glücklicherweise wurde diese Gefahr, wenigstens für den Augenblick“ (man beachte dieses „wenigstens“!), „beseitigt; das hat man dem Einfluss des Herrn Kerenski, eines jungen Advokaten mit großer rednerischer Begabung, zu verdanken; er begreift ganz klar“ (zum Unterschied von Tschcheïdse, der auch „begriffen“ hat, aber nach der Meinung des Gutschkow-Mannes wahrscheinlich weniger klar), „dass eine Zusammenarbeit mit dem Exekutivkomitee um seiner Arbeiterwähler willen“ (d. h. um die Stimmen der Arbeiter zu bekommen, sie für sich einzufangen) „notwendig ist … Zu einem zufriedenstellenden Abkommen13 kam es heute (Mittwoch, 1. [14.] März), wodurch alle überflüssigen Reibungen vermieden werden.“

Was für ein Abkommen das ist, ob der ganze Rat der Arbeiterdeputierten daran beteiligt ist, welche Bedingungen es enthält, wissen wir nicht. Die Hauptsache hat der englische Gutschkow-Mann diesmal ganz verschwiegen. Und ob! Es ist nicht im Interesse der Bourgeoisie, dass diese Bedingungen klar, präzis und allen bekannt sind, denn dann würde es für sie schwerer sein, sie zu verletzen!

Vorstehende Zeilen waren schon geschrieben, als ich zwei sehr wichtige Mitteilungen las. Erstens den Text des Aufrufes des Arbeiterdeputiertenrates über die „Unterstützung“ der neuen Regierung14 in der Pariser erzreaktionären und erzbürgerlichen Zeitung „Le Temps“ vom 20. März, und zweitens Auszüge aus der Dumarede Skobelews vom 1. (14.) März, die eine Züricher Zeitung („Neue Züricher Zeitung“, 21. März, Mittagsblatt) auf Grund von Meldungen einer Berliner Zeitung („National-Zeitung“) wiedergibt.

Der Aufruf des Arbeiterdeputiertenrates ist, wenn nicht sein Text von den französischen Imperialisten entstellt ist, ein äußerst bemerkenswertes Dokument, das zeigt, dass das Petersburger Proletariat sich zumindest im Augenblick des Erscheinens des Aufrufes unter dem überwiegenden Einfluss von kleinbürgerlichen Politikern befunden hat. Ich erinnere daran, dass ich, wie schon oben bemerkt, auch Leute vom Schlage Kerenskis und Tschcheïdses zu den Politikern dieser Art zähle.

Der Aufruf enthält zwei politische Ideen und dementsprechend auch zwei Losungen.

Erstens: der Aufruf besagt, dass die (neue) Regierung aus „gemäßigten Elementen“ bestehe. Das ist eine sonderbare Charakterisierung, die alles andere als vollständig ist, die rein liberal und nicht marxistisch ist. Auch ich bin bereit, zuzugeben, dass jede Regierung jetzt nach dem Abschluss der ersten Etappe der Revolution in einem gewissen Sinne – ich werde im nächsten Briefe zeigen, in welchem Sinne – „gemäßigt“ sein muss. Aber es ist absolut unzulässig, sich und das Volk darüber täuschen zu wollen, dass diese Regierung die Fortsetzung des imperialistischen Krieges erstrebt, dass sie ein Agent des englischen Kapitals ist, dass sie die Wiederherstellung der Monarchie und die Befestigung der Herrschaft der Grundbesitzer und Kapitalisten erstrebt.

Der Aufruf erklärt, dass alle Demokraten die neue Regierung „unterstützen“ müssen und dass der Arbeiterdeputiertenrat Kerenski ersucht und bevollmächtigt, in die Provisorische Regierung einzutreten. Die Bedingungen sind: Durchführung der versprochenen Reformen noch während des Krieges, Gewährleistung einer „freien kulturellen“ (nur??) Entwicklung der Nationalitäten (ein rein kadettisches, liberal armseliges Programm) und Bildung eines besonderen Komitees zur Überwachung der Tätigkeit der Provisorischen Regierung, eines Komitees, das aus Mitgliedern des Arbeiterdeputiertenrates und aus „Militärs“ bestehen soll.15

Über das Überwachungskomitee, das zu der zweiten Art von Ideen und Losungen gehört, werden wir noch besonders sprechen.

Die Entsendung Kerenskis, des russischen Louis Blanc, und die Aufforderung zur Unterstützung der neuen Regierung ist – man kann sagen – ein klassisches Musterbeispiel des Verrates an der Sache der Revolution und an der Sache des Proletariats, eines Verrates von derselben Art, wie die Verrätereien, dank denen eine ganze Reihe von Revolutionen im XIX. Jahrhundert zugrunde gegangen ist, unabhängig davon, ob die Führer und die Anhänger einer solchen Politik aufrichtig und der Sache des Sozialismus ergeben sind.

Das Proletariat kann und darf eine Regierung des Krieges, eine Regierung der Restauration nicht unterstützen. Zum Kampf gegen die Reaktion, zur Abwehr der möglichen und wahrscheinlichen Versuche der Romanows und ihrer Freunde, die Monarchie wiederherzustellen und eine konterrevolutionäre Armee zu sammeln, ist es durchaus nicht notwendig, die Gutschkow und Co. zu unterstützen, sondern es ist notwendig, eine proletarische Miliz zu organisieren, auszubauen, zu festigen und das Volk unter der Leitung der Arbeiter zu bewaffnen. Ohne diese wichtige, grundlegende, radikale Maßnahme kann weder die Rede sein von einem ernsthaften Widerstand gegen die Wiederaufrichtung der Monarchie und gegen die Versuche, die versprochenen Freiheiten zu nehmen oder zu kürzen, noch von einer Politik, die wirklich dazu führt, dass Brot, Frieden und Freiheit gewährleistet werden.

Wenn Tschcheïdse, der zusammen mit Kerenski Mitglied der ersten Provisorischen Regierung (des dreizehnköpfigen Dumakomitees) war, es wirklich aus grundsätzlichen Erwägungen der erwähnten oder einer ähnlichen Art ablehnt, in die zweite Provisorische Regierung einzutreten, so gereicht es ihm zur Ehre. Das muss man gerade heraus sagen. Leider aber stehen andere Tatsachen, und vor allem die Reden Skobelews, der immer Hand in Hand mit Tschcheïdse gegangen ist, in Widerspruch mit einer solchen Interpretation.

Skobelew hat, wenn man der genannten Quelle Glauben schenken darf, erklärt, dass „die soziale“ (? offenbar sozialdemokratische) „Gruppe und die Arbeiter mit den Zielen der Provisorischen Regierung nur einen leichten Kontakt haben“, dass die Arbeiter den Frieden fordern und dass eine Fortsetzung des Krieges unaufhaltsam zu einer Katastrophe im Frühling führen werde, dass „die Arbeiterschaft mit der Gesellschaft“ (der liberalen Gesellschaft) „eine vorläufige Waffenfreundschaft geschlossen habe, obgleich die politischen Ziele der Arbeiterschaft von denen der Gesellschaft himmelweit verschieden seien“, dass „die Liberalen von den unsinnigen Kriegszielen lassen sollten“ usw.

Diese Rede ist ein Musterbeispiel für das, was wir weiter oben in dem Zitat aus dem „Sozialdemokrat“ als „Schwanken“ zwischen Bourgeoisie und Proletariat bezeichnet haben. Die Liberalen können, solange sie Liberale bleiben, nicht von „unsinnigen“ Kriegszielen „lassen“, diese werden, nebenbei gesagt, nicht von ihnen allein, sondern von dem englisch-französischen Finanzkapital, einer Weltmacht, die über Hunderte von Milliarden verfügt, festgesetzt. Nicht die Liberalen muss man „überreden“, sondern den Arbeitern klarmachen, weshalb die Liberalen in eine Sackgasse geraten sind, weshalb sie an Händen und Füßen gebunden sind, weshalb sie sowohl die Verträge zwischen dem Zarismus und England usw. als auch die Abmachungen zwischen dem russischen und dem englisch-französischen Kapital usw. usw. geheim halten

Wenn Skobelew erzählt, dass die Arbeiter irgendeine Abmachung mit der liberalen Gesellschaft getroffen haben, und gegen diese Abmachung nicht protestiert, wenn er den Arbeitern nicht von der Dumatribüne herab klarmacht, wie schädlich eine solche Abmachung ist, dann billigt er diese Abmachung. Und das durfte keinesfalls geschehen.

Wo Skobelew das Übereinkommen zwischen dem Arbeiterdeputiertenrat und der Provisorischen Regierung direkt oder indirekt, offen oder stillschweigend billigt, da schwankt er in der Richtung zur Bourgeoisie. Wo Skobelew erklärt, dass die Arbeiter den Frieden fordern, dass zwischen ihren Zielen und denen der Liberalen ein himmelweiter Unterschied besteht, da schwankt er in der Richtung zum Proletariat.

Rein proletarisch, wahrhaft revolutionär und in ihrer Absicht vollkommen richtig ist die zweite politische Idee des von uns analysierten Aufrufes des Arbeiterdeputiertenrates, die Idee der Bildung eines „Überwachungskomitees“ (ich weiß nicht, ob es russisch sich so nennt, ich übersetze frei aus dem Französischen), d. h. eines Komitees zur Überwachung der Provisorischen Regierung durch Proletarier und Soldaten.

Das ist das Richtige! Das ist wirklich der Arbeiter würdig, die ihr Blut für Freiheit, Frieden und Brot für das Volk vergossen haben! Das ist ein realer Schritt zur Schaffung von realen Garantien sowohl gegen den Zarismus und die Monarchie als auch gegen die Monarchisten Gutschkow, Lwow und Co. Das ist ein Anzeichen dafür, dass das russische Proletariat trotz allem schon weiter ist als das französische Proletariat im Jahre 1848, das seinen Louis Blanc „bevollmächtigte“! Das ist ein Beweis dafür, dass der Instinkt und die Vernunft der proletarischen Massen sich nicht zufriedenstellen lassen durch Deklamationen, Redensarten, Versprechungen von Reformen und Freiheiten, durch den Titel eines „Ministers im Auftrag der Arbeiter“ und ähnlichen Tand, sondern dass sie eine Stütze nur dort suchen, wo sie wirklich ist, in den bewaffneten Volksmassen, die vom Proletariat, von den klassenbewussten Arbeitern organisiert und geführt werden.

Das ist ein Schritt auf dem richtigen Wege, aber nur der erste Schritt.

Bleibt dieses „Überwachungskomitee“ eine rein parlamentarische, lediglich politische Institution, d. h. eine Kommission, die der Provisorischen Regierung „Fragen stellt“ und von ihr Antworten erhält, so wird es trotz allem ein Spielzeug, ein Nichts bleiben.

Wenn es aber dazu führt, dass sofort und allen Hindernissen zum Trotz eine wirklich das ganze Volk, wirklich alle Männer und Frauen umfassende Arbeitermiliz oder Arbeiterwehr geschaffen wird, die nicht nur die vernichtete und beseitigte Polizei ersetzt, nicht nur dafür sorgt, dass diese durch keine, sei es monarchistisch-konstitutionelle oder demokratisch-republikanische Regierung wiederhergestellt wird, weder in Petersburg noch an irgendeinem anderen Orte Russlands, dann werden die fortgeschrittenen Arbeiter Russlands wirklich die Bahn zu neuen und großen Siegen beschreiten, die Bahn, die sie zum Siege über den Krieg führen wird und zur Verwirklichung der Losung, die nach den Meldungen der Zeitungen das Banner der Kavallerietruppen schmückte, die in Petersburg auf dem Platz vor der Reichsduma demonstrierten:

„Hoch die Sozialistischen Republiken aller Länder!“

Im nächsten Brief will ich meine Gedanken über die Arbeiterwehr darlegen.

Ich werde mich bemühen, dort einerseits zu zeigen, dass eben die Schaffung einer das ganze Volk umfassenden, von den Arbeitern geführten Wehr eine richtige und zeitgemäße Losung ist und den taktischen Aufgaben des eigenartigen Übergangsstadiums entspricht, das die russische Revolution (und die Weltrevolution) gegenwärtig durchmacht, und anderseits, dass diese Arbeiterwehr, wenn sie erfolgreich sein soll, eine wirklich allgemeine Volkswehr sein muss, die wirklich die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung beiderlei Geschlechts umfasst; zweitens muss sie dazu übergehen, nicht allein rein polizeiliche, sondern auch allgemein staatliche Funktionen mit militärischen Aufgaben und mit der Kontrolle der gesellschaftlichen Produktion und der Güterverteilung zu vereinigen.

Zürich, den 22. (9.) März 1917

Lenin

P. S. Ich habe vergessen, den vorigen Brief mit dem Datum des 20. (7.) März zu versehen.

Dritter Brief: Über die proletarische Miliz

Die Schlussfolgerung, die ich gestern hinsichtlich der schwankenden Taktik Tschcheïdses zog, wird heute, am 10. (23.) März durch zwei Dokumente vollkommen bestätigt. Das erste Dokument ist ein Auszug aus dem in Petersburg veröffentlichten Manifest16 des ZK unserer Partei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, den die „Frankfurter Zeitung“ telegraphisch aus Stockholm erhalten hat. In diesem Dokument steht kein Wort von der Unterstützung der Regierung Gutschkow oder vom Sturz dieser Regierung: die Arbeiter und Soldaten werden aufgefordert, sich um den Arbeiterdeputiertenrat zu organisieren, Vertreter in den Rat zu wählen, die kämpfen sollen gegen den Zarismus, für die Republik, für den Achtstundentag, für die Konfiskation der gutsherrlichen Ländereien und der Getreidevorräte und – was die Hauptsache ist – für die Beendigung des Raubkrieges. Besonders wichtig und besonders aktuell ist dabei der ganz richtige Gedanke unseres ZK, dass zur Herbeiführung des Friedens Verbindungen mit den Proletariern aller kriegführenden Länder nötig sind.

Den Frieden von Verhandlungen und Verbindungen zwischen den bürgerlichen Regierungen erwarten zu wollen, das wäre Selbstbetrug und Betrug am Volke.

Das zweite Dokument ist ebenfalls eine telegraphische Meldung aus Stockholm, die ein anderes deutsches Blatt (die „Vossische Zeitung“) erhalten hat, und worin über eine Beratung der Tschcheïdse-Fraktion der Duma mit der Arbeiterfraktion (gemeint sind wohl die Trudowiki) und Vertretern von fünfzehn Arbeiterverbänden, die am 2. (15.) März stattgefunden hat, und von einem Aufruf, der am nächsten Tag erschienen ist, berichtet wird. Von den 11 Punkten dieses Aufrufes teilt das Telegramm nur drei mit: den ersten – die Forderung der Republik, den siebenten – die Forderung des Friedens und der sofortigen Eröffnung von Friedensverhandlungen, und den dritten – der eine „ausreichende Teilnahme der Vertreter der russischen Arbeiterschaft an der Regierung“ fordert.

Wenn dieser Punkt richtig wiedergegeben ist, so verstehe ich, wieso die Bourgeoisie Tschcheïdse lobt. Ich verstehe, wieso sich zu dem von mir schon zitierten Lob der englischen Gutschkow-Leute in der „Times“ nun auch das Lob der französischen Gutschkow-Leute im „Temps“ gesellt. Diese Zeitung der französischen Millionäre und Imperialisten schreibt am 22. März:

„Die Führer der Arbeiterparteien, besonders Herr Tschcheïdse, bieten ihren ganzen Einfluss auf, um die Wünsche der arbeitenden Klassen zu mäßigen.“

In der Tat ist es theoretisch und politisch ein Unsinn, die „Teilnahme“ von Arbeitern an der Regierung Gutschkow-Miljukow zu fordern: als Minderheit teilnehmen würde bedeuten, dass man sich zum Werkzeug der anderen macht; eine „Halbpart“-Beteiligung ist unmöglich, denn die Forderung der Fortsetzung des Krieges lässt sich nicht vereinbaren mit der Forderung des Abschlusses eines Waffenstillstandes und der Eröffnung von Friedensverhandlungen; um als „Mehrheit“ teilzunehmen, muss man stark genug sein, die Regierung Gutschkow-Miljukow zu stürzen. In der Praxis ist die Forderung der „Teilnahme“ Louis Blanc-Politik der schlimmsten Sorte; sie bedeutet, dass man den Klassenkampf und seine realen Bedingungen vergisst, dass man sich von leeren und klingenden Phrasen verleiten lässt, dass man Illusionen unter den Arbeitern verbreitet, dass man wertvolle Zeit auf Verhandlungen mit Miljukow oder Kerenski vertrödelt, anstatt diese Zeit dazu zu verwenden, eine wirkliche revolutionäre Klassenmacht zu schaffen, eine proletarische Miliz, die imstande ist, sich das Vertrauen aller ärmeren Bevölkerungsschichten zu erwerben, die die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung bilden, die imstande ist, ihnen zu helfen,sich zu organisieren und für Brot, Frieden und Freiheit zu kämpfen.

Dieser Fehler des Aufrufes von Tschcheïdse und seiner Gruppe (ich spreche hier nicht von der Partei des OK, des Organisationskomitees, denn in den Quellen, die mir zugänglich sind, wird das OK mit keinem Worte erwähnt), – dieser Fehler ist um so sonderbarer, als Skobelew, der nächste Gesinnungsgenosse von Tschcheïdse, Zeitungsmeldungen zufolge in der Beratung vom 2. (15.) März folgendes erklärt hat: „Russland befindet sich am Vorabend einer zweiten, wirklichen Revolution.“

Das ist durchaus richtig, Skobelew und Tschcheïdse haben nur vergessen, daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Ich kann von hier aus, in der verfluchten Ferne, nicht darüber urteilen, wie nahe diese zweite Revolution schon ist. Skobelew, der sich auf dem Schauplatze der Ereignisse befindet, kann das besser sehen. Ich stelle mir deshalb keine Fragen, für deren Lösung ich keine konkreten Angaben habe und auch gar nicht haben kann. Ich betone nur, dass ein „abseitsstehender“, d. h. nicht zu unserer Partei gehöriger Zeuge, Skobelew, die tatsächliche Schlussfolgerung, zu der ich in meinem ersten Briefe gekommen bin, nämlich, dass die Februar-März-Revolution nur die erste Etappe der Revolution war, bestätigt. Russland macht jetzt ein eigenartiges geschichtliches Stadium des Überganges zu der nächstfolgenden Etappe der Revolution, oder wie Skobelew sich ausdrückt, zur „zweiten Revolution“ durch.

Wenn wir Marxisten sein und aus den Erfahrungen der Revolutionen der ganzen Welt lernen wollen, müssen wir uns bemühen, zu begreifen, worin die Eigenart dieses Übergangsstadiums besteht, und welche Taktik sich aus seinen objektiven Eigentümlichkeiten ergibt.

Die Eigenart der Lage besteht darin, dass drei wichtige Umstände der Regierung Gutschkow-Miljukow ihren ersten Sieg äußerst leicht gemacht haben: erstens, die Hilfe des englisch-französischen Finanzkapitals und seiner Agenten; zweitens, die Unterstützung durch einen Teil der hohen Militärs; und drittens, die fertige Organisation, die die russische Bourgeoisie in den Organen der Semstwos, der städtischen Selbstverwaltung, in der Reichsduma, in den Kriegsindustriekomitees usw. besaß.

Die Regierung Gutschkow befindet sich in einer Zwickmühle: sie ist an die Kapitalinteressen gebunden und muss infolgedessen bestrebt sein, den Raubkrieg fortzusetzen, die ungeheuren Gewinne des Kapitals und der Großgrundbesitzer zu schützen und die Monarchie wiederherzustellen. Anderseits ist sie durch ihren revolutionären Ursprung und durch die Notwendigkeit eines jähen Überganges vom Zarismus zur Demokratie gebunden, sie befindet sich unter dem Druck der hungernden Massen, die den Frieden fordern; die Regierung ist deshalb gezwungen, zu lügen, sich zu winden, Zeit zu gewinnen, möglichst viel zu „proklamieren“ und zu versprechen (denn Versprechungen sind der einzige Artikel, der sogar in der Zeit einer rasenden Teuerung äußerst billig ist); sie ist gezwungen, möglichst wenig durchzuführen, mit der einen Hand Zugeständnisse zu machen und sie mit der anderen wieder zu nehmen.-

Die neue Regierung kann in dem für sie günstigsten Falle unter gewissen Umständen den Zusammenbruch etwas hinausschieben, indem sie alle organisatorischen Fähigkeiten der gesamten russischen Bourgeoisie und der bürgerlichen Intellektuellen ausnützt. Aber sogar in diesem Falle ist sie nicht imstande, dem Zusammenbruch zu entgehen, denn es ist unmöglich, sich aus den Krallen der furchtbaren Bestie des imperialistischen Krieges und der Hungersnot, die der Weltkapitalismus erzeugt hat, freizumachen, ohne den Boden der bürgerlichen Verhältnisse zu verlassen, ohne zu revolutionären Maßnahmen zu greifen, ohne an den größten geschichtlichen Heldenmut des russischen und des internationalen Proletariats zu appellieren.

Daraus folgt: wir werden nicht imstande sein, die neue Regierung mit einem Schlage zu stürzen, oder wir werden, wenn das gelingen sollte (in revolutionären Zeiten erweitern sich die Grenzen des Möglichen tausendfach), nicht imstande sein, die Macht zu behaupten, wenn wir der ausgezeichneten Organisation der gesamten russischen Bourgeoisie und der gesamten bürgerlichen Intelligenz nicht eine ebenso ausgezeichnete Organisation des Proletariats entgegenstellen, die die gesamte ungeheure Masse der ärmeren Bevölkerung in Stadt und Land, der Halbproletarier und der kleinen Eigentümer, führt.

Ganz gleich, ob die „zweite Revolution“ in Petersburg schon ausgebrochen ist (ich habe gesagt, dass es ganz unsinnig wäre, im Ausland das Tempo ihres Heranreifens konkret bestimmen zu wollen) oder ob sie für eine gewisse Zeit aufgeschoben ist oder ob sie an gewissen Stellen Russlands schon begonnen hat (gewisse Anzeichen dafür scheinen da zu sein) – jedenfalls muss die Losung der Stunde sowohl am Vorabend der neuen Revolution als auch während dieser Revolution und am Tage nach ihr die proletarische Organisation sein.

Genossen, Arbeiter! Ihr habt gestern Wunder an proletarischem Heldenmut vollbracht, als ihr die Zarenmonarchie stürztet! Ihr werdet in einer mehr oder weniger nahen Zukunft (vielleicht sogar schon jetzt, wo ich dies schreibe) ebensolche Wunder an Heldenmut vollbringen müssen, um die Macht der Grundbesitzer und der Kapitalisten, die den imperialistischen Krieg führen, zu stürzen. Ihr werdet nicht imstande sein, in der nächsten, der „wirklichen“ Revolution, einen dauerhaften Sieg zu erringen, wenn ihr nicht Wunder an proletarischer Organisation vollbringt!

Organisation, das ist die Losung der Stunde. Aber sich darauf zu beschränken, würde bedeuten, dass man noch nichts sagt, denn einerseits ist Organisation immer notwendig, der bloße Hinweis auf die Notwendigkeit der „Organisation der Massen“ erklärt also noch gar nichts, anderseits würde derjenige, der sich nur hierauf beschränkte, zu einem Nachbeter der Liberalen werden. Denn gerade die Liberalen, die bestrebt sind, ihre Herrschaft zu befestigen, wollen ja nichts anderes, als dass die Arbeiter sich auf die gewöhnliche, „legale“ (legal vom Standpunkt der „normalen“ bürgerlichen Gesellschaft) Organisation beschränken, d. h. dass die Arbeiter nichts weiter seien als eingeschriebene Mitglieder ihrer Partei, ihrer Gewerkschaft, ihrer Genossenschaft usw. usf.

Die Arbeiter haben mit ihrem Klasseninstinkt begriffen, dass sie in einer revolutionären Zeit eine ganz andere und nicht nur die gewöhnliche Organisation brauchen, sie haben den richtigen Weg beschritten, den ihnen die Erfahrungen unserer Revolution von 1905 und der Pariser Kommune von 1871 gewiesen haben, sie haben den Arbeiterdeputiertenrat geschaffen, sie haben begonnen, ihn durch Heranziehung von Vertretern der Soldaten und zweifellos auch von Vertretern der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter und dann auch (in der einen oder anderen Form) von Vertretern der gesamten Bauernarmut auszubauen, zu erweitern, zu stärken.

Die Bildung von derartigen Organisationen in sämtlichen Gegenden Russlands, für sämtliche Berufe und Schichten der proletarischen und halbproletarischen Bevölkerung, d. h. für sämtliche Werktätigen und Ausgebeuteten, um einen Ausdruck zu gebrauchen, der nationalökonomisch weniger genau, aber populärer ist, – das ist heute die wichtigste, unaufschiebbare Aufgabe. Ich will hier vorgreifen und bemerken, dass unsere Partei (über ihre besondere Rolle in den proletarischen Organisationen des neuen Typus hoffe ich in einem der folgenden Briefe schreiben zu können) in Bezug auf die Organisation der gesamten Bauernmasse besonders empfehlen muss, dass spezielle Räte der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter und auch solche der kleinen Landwirte, die kein Getreide verkaufen, getrennt von den wohlhabenden Bauern organisiert werden; ohne diese Bedingung kann, allgemein gesagt, weder eine wirkliche proletarische Politik betrieben werden* noch die wichtigste praktische Frage, die für Millionen von Menschen eine Lebensfrage ist, in Angriff genommen werden: die richtige Verteilung des Getreides, die Hebung der Getreideerzeugung usw.

Was sollen aber die Arbeiterdeputiertenräte tun? Sie „müssen als Organe des Aufstandes, als Organe der revolutionären Staatsmacht betrachtet werden“ – so schrieben wir in Nr. 47 des Genfer „Sozialdemokrat“ am 13. Oktober 1915.

Dieser theoretische Satz, auf Grund der Erfahrung der Kommune und der russischen Revolution von 1905 formuliert, muss auf Grund der Praxis der gegenwärtigen Etappe und der gegenwärtigen Revolution in Russland erläutert und konkreter entwickelt werden.

Wir brauchen eine revolutionäre Staatsmacht, wir brauchen (für eine bestimmte Übergangsperiode) den Staat. Dadurch unterscheiden wir uns von den Anarchisten. Der Unterschied zwischen den revolutionären Marxisten und den Anarchisten besteht nicht nur darin, dass jene für die zentralisierte Produktion in Großbetrieben auf kommunistischer Grundlage, diese aber für eine zersplitterte Produktion in Kleinbetrieben eintreten. Nein, der Unterschied besteht in der Frage der Staatsmacht gerade darin, dass wir für die revolutionäre Ausnützung der revolutionären Staatsform für den Kampf um den Sozialismus, die Anarchisten aber dagegen sind.

Wir brauchen den Staat, aber wir brauchen nicht einen solchen Staat, wie ihn die Bourgeoisie überall geschaffen hat, von den konstitutionellen Monarchien bis zu den allerdemokratischsten Republiken. Und darin unterscheiden wir uns von den Opportunisten und Kautskyanern der alten, schon verfaulenden sozialistischen Parteien, die die Lehren der Pariser Kommune und die Analyse dieser Lehren durch Marx und Engels entstellt oder vergessen haben**.

Wir brauchen einen Staat, aber nicht einen solchen, wie ihn die Bourgeoisie braucht, wo die Staatsorgane, die Polizei, die Armee, die Bürokratie (das Beamtentum) vom Volke losgelöst sind und dem Volke entgegengestellt werden. Alle bürgerlichen Revolutionen haben lediglich diese Staatsmaschine vervollkommnet und sie der einen Partei entrissen und der anderen übergeben.

Das Proletariat aber muss, wenn es die Errungenschaften der gegenwärtigen Revolution bewahren und weiter gehen will, wenn es Frieden, Brot und Freiheit erringen will, diese „fertige“ Staatsmaschine, um mit Marx zu sprechen, „zerschlagen“ und sie durch eine neue ersetzen, wo Polizei, Armee und Bürokratie mit dem bis auf den letzten Mann bewaffneten Volke eins sind. Wie die Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871 und der russischen Revolution von 1905 zeigen, muss das Proletariat alle ärmeren, ausgebeuteten Teile des Volkes organisieren und bewaffnen, damit sie die Organe der Staatsmacht selbst und unmittelbar übernehmen, damit sie selbst die Institutionen dieser Staatsmacht bilden.

Die Arbeiter Russlands haben diesen Weg schon in der ersten Etappe der ersten russischen Revolution im Februar-März 1917 beschritten. Es handelt sich jetzt darum, dass man klar begreift, welches dieser neue Weg ist, und dass man auf ihm kühn, fest und beharrlich weitergeht.

Die englisch-französischen und die russischen Kapitalisten wollten „nur“ Nikolaus II. absetzen oder ihn vielleicht sogar nur „einschüchtern“, die alte Staatsmaschine, die Polizei, die Armee, das Beamtentum aber unversehrt lassen.

Die Arbeiter sind weiter gegangen und haben sie zerschlagen. Und jetzt heulen nicht nur die englisch-französischen, sondern auch die deutschen Kapitalisten vor Wut und Angst, wenn sie z. B. sehen, wie die russischen Soldaten ihre Offiziere erschießen, auch wenn sie Anhänger von Gutschkow und Miljukow sind, wie der Admiral Nepenin.

Ich habe gesagt, dass die Arbeiter die alte Staatsmaschine zerschlagen haben. Genauer wäre es, zu sagen: sie haben begonnen, sie zu zerschlagen.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel:

Die Polizei ist in Petersburg und an vielen anderen Orten teils erschlagen, teils abgesetzt worden. Die Regierung Gutschkow-Miljukow kann weder die Monarchie wiederherstellen noch sich überhaupt an der Macht halten, wenn sie nicht die Polizei wiederherstellt als eine besondere, vom Volk losgelöste, ihm entgegengestellte Organisation von bewaffneten Menschen, die sich unter dem Kommando der Bourgeoisie befindet. Das ist sonnenklar.

Anderseits muss die neue Regierung auf das revolutionäre Volk Rücksicht nehmen, es mit halben Zugeständnissen und Versprechungen füttern, um Zeit zu gewinnen. Deshalb greift sie zu einer halben Maßregel: sie errichtet eine „Volksmiliz“ mit gewählten Vorgesetzten (das klingt furchtbar nett, furchtbar demokratisch, revolutionär und schön!). Aber … aber, erstens wird sie der Kontrolle, dem Befehl der Semstwos und der städtischen Selbstverwaltungsorgane unterstellt, d. h. dem Befehl der Großgrundbesitzer und Kapitalisten, die auf Grund der Gesetze Nikolaus des Blutigen und des Henkers Stolypin gewählt worden sind!! Zweitens nennt sie die Miliz eine „Volksmiliz“, um dem „Volke“ Sand in die Augen zu streuen, in Wirklichkeit aber fordert sie das Volk nicht auf, sich allgemein an dieser Miliz zu beteiligen, sie zwingt die Unternehmer und die Kapitalisten nicht, den Angestellten und Arbeitern für die Stunden und Tage, die sie dem öffentlichen Dienst, d. h. der Miliz widmen, den üblichen Lohn auszuzahlen.

Hier liegt der Hund begraben. Auf diesem Wege erreicht die Großgrundbesitzer- und Kapitalistenregierung der Gutschkow und Miljukow, dass die „Volksmiliz“ auf dem Papier bleibt, und dass in Wirklichkeit allmählich und im Stillen eine bürgerliche, gegen das Volk gerichtete Miliz wiederhergestellt wird, zunächst aus „8000 Studenten und Professoren“ (so schildern die ausländischen Zeitungen die heutige Petersburger Miliz) – das ist ein Kinderspielzeug! –, dann aber allmählich aus der alten und neuen Polizei.

Die Wiederherstellung der Polizei darf nicht zugelassen werden! Die lokalen Behörden dürfen nicht aus der Hand gelassen werden! Eine wirklich allgemeine, vom Proletariat geführte Volksmiliz muss geschaffen werden! Das ist die dringendste Aufgabe, das ist die Losung des gegenwärtigen Augenblicks, die sowohl den richtig verstandenen Interessen des weiteren Klassenkampfes, der weiteren revolutionären Bewegung als auch dem demokratischen Instinkt jedes Arbeiters, jedes Bauern, jedes werktätigen und ausgebeuteten Menschen entspricht; denn jeder unter ihnen muss die Polizei, die Gendarmen hassen, es muss ihm widerstreben, dass die Grundherren und Kapitalisten bewaffnete Menschen kommandieren, denen Macht über das Volk gegeben wird.

Welche Polizei brauchen sie, die Gutschkow und Miljukow, die Grundherren und die Kapitalisten? Eine ebensolche, wie unter der Zarenmonarchie. Alle bürgerlichen und bürgerlich-demokratischen Republiken der Welt haben eine solche Polizei, eine besondere Organisation vom Volk losgelöster, ihm entgegengestellter bewaffneter Menschen, die der Bourgeoisie so oder anders untergeordnet sind, eingeführt oder nach kurzen revolutionären Perioden wiederhergestellt.

Was für eine Miliz brauchen wir, braucht das Proletariat, brauchen alle Werktätigen? Eine wirkliche Volksmiliz, d. h. eine Miliz, die erstens wirklich aus der gesamten Bevölkerung, aus allen erwachsenen Bürgern beiderlei Geschlechts besteht, und die zweitens die Funktion einer Volksarmee mit polizeilichen Funktionen, mit der Funktion des wichtigsten und des Hauptorgans der staatlichen Ordnung und der staatlichen Verwaltung verbindet.

Um diese Formulierungen anschaulicher zu machen, will ich ein rein schematisches Beispiel nehmen. Natürlich wäre der Gedanke, irgendeinen „Plan“ der proletarischen Miliz aufzustellen, unsinnig: wenn die Arbeiter und das ganze Volk sich wirklich in Massen praktisch an die Sache machen, so werden sie es hundertmal besser ausarbeiten und einrichten als irgendwelche Theoretiker. Ich schlage keinen „Plan“ vor, ich will nur meinen Gedankengang illustrieren.

Petersburg hat eine Bevölkerung von etwa 2 Millionen, davon über die Hälfte im Alter von 15-65 Jahren. Sagen wir die Hälfte, eine Million. Ziehen wir sogar noch ein ganzes Viertel für Kranke und andere ab, die sich gegenwärtig aus gewichtigen Gründen nicht dem öffentlichen Dienst widmen können. Es bleiben 750 000 Menschen; wenn sie z. B. jeden 15. Tag in der Miliz arbeiteten (und wenn sie für diese Zeit den Lohn vom Unternehmer weiter erhielten), würden sie eine Armee von 50 000 Menschen bilden.

Das ist der „Staat“, wie wir ihn brauchen.

Eine solche Miliz wäre in Wirklichkeit – und nicht nur dem Namen nach – eine „Volksmiliz“.

Diesen Weg müssen wir einschlagen, damit weder eine besondere Polizei noch eine besondere, vom Volke getrennte Armee wiederhergestellt werden kann.

Eine solche Miliz würde zu 95 Prozent aus Arbeitern und Bauern bestehen und die Vernunft und den Willen, die Kraft und die Macht der ungeheuren Volksmehrheit wirklich zum Ausdruck bringen. Eine solche Miliz würde das gesamte Volk wirklich allgemein bewaffnen und im Kriegshandwerk ausbilden und es auf eine nicht Gutschkowsche, nicht Miljukowsche Weise gegen alle Umtriebe der zaristischen Agenten sichern. Eine solche Miliz würde ein ausführendes Organ der „Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte“ sein, sie würde die absolute Achtung und das absolute Vertrauen der Bevölkerung genießen, denn sie würde eine allgemeine Organisation der gesamten Bevölkerung sein. Eine solche Miliz würde die Demokratie aus einem schönen Aushängeschild, das die Versklavung und die Vergewaltigung des Volkes durch die Kapitalisten verdeckt, in eine wirkliche Erziehung der Massen zur Teilnahme an allen Staatsgeschäften verwandeln. Eine solche Miliz würde die Jugendlichen in das politische Leben hineinziehen und sie in Wirklichkeit und nicht nur in der Phrase durch Arbeit erziehen. Eine solche Miliz würde jene Funktionen ausbilden, die – um es in gelehrter Sprache zu sagen – in das Gebiet der „Wohlfahrtspolizei“ gehören, indem sie zur sanitären Aufsicht usw. alle erwachsenen Frauen heranziehen würde. Die wirkliche Freiheit kann nicht gesichert werden, nicht einmal die Demokratie – vom Sozialismus gar nicht zu reden – kann aufgebaut werden, wenn man die Frauen nicht zum öffentlichen Dienst, zur Miliz, zum politischen Leben heranzieht, wenn man die Frauen nicht aus ihrer abstumpfenden Haus- und Küchenatmosphäre herausreißt.

Eine solche Miliz würde eine proletarische Miliz sein, denn die industriellen und städtischen Arbeiter würden in dieser Miliz ebenso natürlich und unvermeidlich einen entscheidenden Einfluss auf die Masse der armen Bevölkerung gewinnen, wie sie in dem ganzen revolutionären Kampfe des Volkes in den Jahren 1905-1907 und im Jahre 1917 natürlich und unvermeidlich die führende Rolle erlangt haben.

Eine solche Miliz würde eine absolute Ordnung und eine rückhaltlos geübte kameradschaftliche Disziplin gewährleisten. Zu gleicher Zeit aber würde sie uns in der schweren Krise, die alle kriegführenden Länder jetzt durchmachen, die Möglichkeit geben, diese Krise wirklich demokratisch zu bekämpfen, die Verteilung des Getreides und anderer Lebensmittel richtig und schnell durchzuführen, die „allgemeine Arbeitspflicht“ zu verwirklichen, die von den Franzosen jetzt „bürgerliche Mobilisierung“ und von den Deutschen „Vaterländischer Hilfsdienst“ genannt wird, und ohne die die Wunden, die der schreckliche Raubkrieg geschlagen hat, nicht geheilt werden können – es hat sich gezeigt, dass es ohne die Arbeitspflicht nicht geht.

Hat das Proletariat Russlands sein Blut nur vergossen, damit man ihm jetzt nichts als politische, demokratische Reformen verspricht? Wird es wirklich nicht fordern und durchsetzen, dass jeder Werktätige sofort eine gewisse Besserung seiner Lebenshaltung sieht und fühlt? Dass jede Familie Brot hat? Dass jedes Kind eine Flasche gute Milch hat und dass kein einziger Erwachsener aus einer reichen Familie es wagen kann, sich überflüssige Milch zu nehmen, solange die Kinder noch nicht versorgt sind? Dass die Paläste und Luxuswohnungen, die der Zar und die Aristokratie hinterlassen haben, nicht leer stehen, sondern den Obdachlosen und Besitzlosen als Heim dienen? Wer außer der allgemeinen Volksmiliz, an der die Frauen unbedingt ebenso wie die Männer teilnehmen müssen, kann diese Maßnahmen verwirklichen?

Derartige Maßnahmen sind noch kein Sozialismus. Sie betreffen die Regelung der Konsumtion, nicht aber die Neuorganisierung der Produktion. Sie würden noch keine „Diktatur des Proletariats“, sondern nur eine „revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft“ bedeuten. Aber es handelt sich jetzt nicht darum, wie man das theoretisch klassifiziert. Es wäre der größte Fehler, wenn wir die komplizierten, aktuellen, sich rasch wandelnden praktischen Aufgaben der Revolution in das Prokrustesbett einer eng verstandenen „Theorie“ zwängten, statt in der Theorie vor allem und in erster Linie eine Anleitung zum Handeln zu sehen.

Wird die Masse der russischen Arbeiter so viel Klassenbewusstsein, Standhaftigkeit und Heldenmut aufbringen, um jetzt „Wunder an proletarischer Organisation“ zu vollbringen, nachdem sie im unmittelbaren revolutionären Kampf Wunder an Kühnheit, Initiative und Selbstaufopferung vollbracht haben? Das wissen wir nicht und es wäre müßig, hier prophezeien zu wollen. Nur die Praxis kann solche Fragen beantworten.

Was wir sehr wohl wissen, und was wir als Partei den Massen klarmachen müssen, das ist einerseits die Tatsache, dass eine geschichtliche Triebkraft von ungeheurer Macht vorhanden ist, die eine unerhörte Krise, Hungersnot und namenloses Elend erzeugt. Diese Triebkraft ist der Krieg, der von den Kapitalisten beider kriegführenden Seiten um räuberischer Ziele willen geführt wird. Diese „Triebkraft“ hat eine ganze Reihe der reichsten, freiesten und gebildetsten Nationen an den Rand des Abgrundes gebracht. Sie zwingt die Völker, alle Kräfte bis aufs äußerste anzuspannen, sie bringt sie in eine unerträgliche Lage, sie stellt nicht die Verwirklichung irgendwelcher „Theorien“ (davon kann keine Rede sein. Marx hat die Sozialisten vor dieser Illusion stets gewarnt) auf die Tagesordnung, sondern die Durchführung der praktisch möglichen radikalsten Maßnahmen, denn ohne radikale Maßnahmen ist der Untergang unvermeidlich, werden Millionen Menschen sofort und unbedingt am Hunger zugrunde gehen.

Dass die revolutionäre Begeisterung der führenden Klasse unter Verhältnissen, wo die objektive Lage vom ganzen Volk radikale Maßnahmen verlangt, vieles vermag, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Das wird in Russland von jedermann beobachtet und gefühlt.

Es ist wichtig, dass begriffen wird, dass die objektive Lage sich in revolutionären Zeiten ebenso schnell und jäh ändert, wie das Leben in solchen Zeiten überhaupt schnell verläuft. Wir aber müssen es verstehen, unsere Taktik und unsere nächsten Aufgaben den Besonderheiten jeder gegebenen Situation anzupassen. Bis zum Februar 1917 handelte es sich darum, eine kühne revolutionär-internationalistische Propaganda zu treiben, die Massen zum Kampfe aufzurufen, sie in Bewegung zu bringen usw. In den Februar-Märztagen war der rückhaltlose Heldenmut des Kampfes erforderlich, damit der nächste Feind, der Zarismus, sofort zerschmettert wurde. Jetzt machen wir das Stadium des Überganges von dieser ersten Etappe der Revolution zur zweiten Etappe durch, vom „Zusammenstoß“ mit dem Zarismus zum „Zusammenstoß“ mit dem Imperialismus der Gutschkow und Miljukow, der Grundherren und Kapitalisten. Auf der Tagesordnung steht eine organisatorische Aufgabe, die aber keinesfalls schablonenhaft im Sinne einer Tätigkeit nur in schablonenhaften Organisationen verstanden werden darf, sondern im Sinne der Heranziehung von gewaltigen Massen der unterdrückten Klassen in noch nie gesehenem Umfange zur Organisation und zur Erfüllung militärischer, allgemein-staatlicher und volkswirtschaftlicher Aufgaben durch eben diese Organisation.

An die Lösung dieser eigenartigen Aufgabe wird das Proletariat auf verschiedenen Wegen herangehen. An manchen Orten Russlands hat ihm die Revolution im Februar-März beinahe die volle Macht gegeben, an anderen Orten wird es vielleicht „eigenmächtig“ eine proletarische Miliz schaffen und ausbauen, wieder an anderen Orten wird es wahrscheinlich sofortige Wahlen zu den städtischen Dumas und den Semstwos auf der Grundlage des allgemeinen usw. Wahlrechts fordern, um sie in revolutionäre Kraftzentren zu verwandeln, usf., bis das Wachstum der proletarischen Organisationen, die Annäherung zwischen den Soldaten und den Arbeitern, die Bewegung in der Bauernschaft und die allgemeine Enttäuschung hinsichtlich der Tauglichkeit der Gutschkow- und Miljukow-Regierung, dieser Regierung des Krieges und des Imperialismus, die Stunde nahen lässt, wo diese Regierung durch die „Regierung“ des Arbeiterdeputiertenrates ersetzt werden wird.

Vergessen wir auch nicht, dass nicht weit von Petersburg eines der fortgeschrittensten, faktisch republikanischen Länder liegt – Finnland, das in den Jahren von 1905-1917, gedeckt durch die revolutionären Kämpfe in Russland, die Demokratie ziemlich friedlich zu entwickeln vermocht und die Mehrheit des Volkes für den Sozialismus gewonnen hat. Das russische Proletariat wird der finnischen Republik die volle Freiheit gewährleisten, bis zur Freiheit der Loslösung (jetzt, wo der Kadett Roditschew in Helsingfors auf eine so unwürdige Weise um Brocken von Privilegien für die Großrussen schachert, schwankt wahrscheinlich kein einziger Sozialdemokrat mehr in dieser Frage) – und gerade dadurch wird es das volle Vertrauen und die kameradschaftliche Hilfe der finnischen Arbeiter für die Sache des Proletariats Gesamtrusslands erlangen. Bei einem großen und schweren Werk sind Fehler nicht zu vermeiden, auch wir werden sie nicht vermeiden können, die finnischen Arbeiter sind bessere Organisatoren, sie werden uns hier helfen, sie werden die Errichtung der sozialistischen Republik auf ihre Weise fördern.

Revolutionäre Siege in Russland selbst, friedliche organisatorische Erfolge in Finnland unter dem Schutze dieser Siege, der Übergang der russischen Arbeiter zu revolutionären organisatorischen Aufgaben in neuem Maßstabe, die Eroberung der Macht durch das Proletariat und die ärmeren Schichten der Bevölkerung, die Förderung und die Entwicklung der sozialistischen Revolution im Westen – das ist der Weg, auf dem wir zum Frieden und zum Sozialismus kommen werden.

Zürich, 11. (24.) März 1917

N. Lenin

Vierler Brief: Wie erlangt man den Frieden?

Eben (am 12. [25.] März) lese ich in der „Neuen Züricher Zeitung“ (Nr. 517 vom 24. März) folgende telegraphische Meldung aus Berlin:

„Über Schweden wird gemeldet: Maxim Gorki sandte sowohl an die Regierung als auch an den Exekutivausschuss einen begeistert geschriebenen Begrüßungstext. Er feiert den Sieg des Volkes über die Machthaber der Reaktion und fordert alle geistigen und leiblichen Söhne Russlands auf, zum Aufbau des neuen russischen Staatsgebäudes beizutragen. Gleichzeitig fordert er die Regierung auf, ihr Befreiungswerk durch den Abschluss eines Friedensschlusses zu krönen. Es solle kein Frieden um jeden Preis sein; dazu habe Russland jetzt weniger Ursache denn je. Es solle ein Frieden sein, der es Russland ermögliche, ehrenvoll vor den übrigen Völkern der Erde zu bestehen. Die Menschheit habe genug geblutet, die neue Regierung würde sich nicht nur um Russland, sondern um die ganze Menschheit das größte Verdienst erwerben, wenn es ihr gelingen sollte, einen raschen Friedensschluss herbeizuführen.“ .

So wird der Inhalt des Briefes von Maxim Gorki wiedergegeben.

Ein bitteres Gefühl überkommt einen beim Lesen dieses mit landläufigen Spießervorurteilen durchtränkten Briefes. Der Schreiber dieser Zeilen hatte bei seinen Zusammenkünften mit Gorki auf der Insel Capri Gelegenheit, ihn vor seinen politischen Fehlern zu warnen und ihm Vorhaltungen zu machen. Gorki parierte diese Vorwürfe mit seinem unnachahmlich liebenswürdigen Lächeln und mit der offenherzigen Erklärung: „Ich weiß, dass ich ein schlechter Marxist bin. Außerdem sind wir Künstler alle ein wenig unzurechnungsfähig.“ Es ist schwer, dagegen etwas zu sagen.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass Gorki ein gewaltiges künstlerisches Talent ist, das der internationalen proletarischen Bewegung viel Nutzen gebracht hat und noch bringen wird.

Aber wozu befasst sich Gorki mit Politik?

Meiner Ansicht nach bringt der Brief Gorkis gewisse Vorurteile zum Ausdruck, die nicht nur im Kleinbürgertum, sondern auch in dem Teil der Arbeiterklasse verbreitet sind, der dem Einfluss des Kleinbürgertums unterliegt. Alle Kräfte unserer Partei, alle Anstrengungen der klassenbewussten Arbeiter müssen darauf gerichtet sein, diese Vorurteile hartnäckig, beharrlich und gründlich zu bekämpfen.

Die zaristische Regierung hat den gegenwärtigen Krieg als einen imperialistischen, als einen Raub- und Plünderungskrieg begonnen und geführt. Der Zweck dieses Krieges war die Erdrosselung und Ausplünderung der schwachen Völker. Die Regierung der Gutschkow und Miljukow ist eine Regierung der Grundherren und Kapitalisten, die diesen Raubkrieg notwendig fortsetzen muss und ihn auch fortsetzen will. Dieser Regierung vorzuschlagen, einen demokratischen Frieden zu schließen, ist dasselbe, wie wenn man sich an Bordellwirte mit Moralpredigten wenden wollte.

Erläutern wir unseren Gedankengang:

Was ist Imperialismus?

Auf diese Frage habe ich in meiner Broschüre: „Der Imperialismus als das höchste Stadium des Kapitalismus“, die dem Verlag „Parus“ noch vor der Revolution eingesandt und von ihm angenommen und in der Zeitschrift „Ljetopis“17 angekündigt worden war, folgende Antwort gegeben:

„Der Imperialismus ist Kapitalismus auf einer Entwicklungsstufe, auf der die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport eine hervorragende Bedeutung gewonnen, die Verteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde zwischen den größten kapitalistischen Ländern abgeschlossen ist“ (Kapitel VII der genannten Broschüre, die, als noch die Zensur bestand, im „Ljetopis“ unter dem Titel: W. Iljin, „Der neueste Kapitalismus“ angezeigt wurde).

Das Wesentliche ist, dass das Kapital gewaltige Ausdehnung erlangt hat. Die Vereinigungen einer kleinen Anzahl von Großkapitalisten (Kartelle, Syndikate, Trusts) verfügen über Milliarden und teilen die ganze Welt unter sich auf. Der Erdball ist restlos aufgeteilt. Der Krieg ist das Resultat des Zusammenstoßes der zwei mächtigsten Gruppen von Milliardären, der englisch-französischen und der deutschen Gruppe, die eine Neuaufteilung der Welt erstreben.

Die englisch-französische Kapitalistengruppe will in erster Linie Deutschland berauben, indem sie ihm seine Kolonien entreißt (sie sind ihm jetzt schon fast alle entrissen) und außerdem die Türkei.

Die deutsche Kapitalistengruppe will die Türkei für sich haben und sich durch die Annexion der kleinen Nachbarstaaten (Belgien, Serbien, Rumänien) für den Verlust der Kolonien schadlos halten.

Das ist die wirkliche Wahrheit, die verschleiert wird durch alle möglichen bürgerlichen Lügen über den „Befreiungskrieg“, den „nationalen“ Krieg, den „Krieg für Recht und Gerechtigkeit“ und ähnliches Phrasengeklingel, dessen sich die Kapitalisten stets zur Verdummung des einfachen Volkes bedienen.

Russland führt den Krieg nicht mit seinem Geld. Das russische Kapital ist ein Teilhaber des englisch-französischen Kapitals. Russland führt den Krieg, um Armenien, die Türkei und Galizien zu rauben.

Gutschkow, Lwow, Miljukow, unsere jetzigen Minister – sie sind es nicht durch einen Zufall. Sie sind Vertreter und Führer der ganzen Klasse der Grundherren und Kapitalisten. Sie sind durch die Interessen des Kapitals gebunden. Die Kapitalisten können ebenso wenig auf die Wahrnehmung ihrer Interessen verzichten, wie ein Mensch sich selbst an seinen Haaren hochziehen kann.

Zweitens sind die Gutschkow-Miljukow und Co. durch das englisch-französische Kapital gebunden. Sie führten und führen den Krieg mit fremdem Geld. Sie haben versprochen, für die geliehenen Milliarden jährlich Hunderte von Millionen an Zinsen zu zahlen und diesen Tribut aus den russischen Arbeitern und Bauern herauszupressen.

Drittens sind die Gutschkow-Miljukow und Co. durch direkte Verträge mit England, Frankreich, Italien, Japan und anderen kapitalistischen Räubergruppen gebunden, in denen die Raubziele dieses Krieges festgelegt sind. Diese Verträge hat noch der Zar Nikolaus II. abgeschlossen. Die Gutschkow-Miljukow u. Co. haben den Kampf der Arbeiter gegen die Zarenmonarchie benützt, um die Macht an sich zu reißen, die vom Zaren geschlossenen Verträge aber haben sie bestätigt.

Das tat die gesamte Regierung Gutschkow-Miljukow in ihrem Manifest, das am 7. (20.) März durch die „Petersburger Telegraphenagentur“ dem Ausland übermittelt wurde: „Die Regierung (Gutschkow-Miljukow) wird alle Verträge, die uns mit anderen Mächten verbinden, treu einhalten“ – so heißt es in diesem Manifest. Der neue Außenminister Miljukow hat in seinem Telegramm, das er am 5. (18.) März 1917 an alle Vertreter Russlands im Ausland absandte, das gleiche erklärt18.

Alle diese Verträge sind Geheimverträge. Die Miljukow u. Co. wollen ihre Veröffentlichung nicht aus zwei Gründen: 1. Sie fürchten das Volk, das keinen Raubkrieg will; 2. sie sind durch das englisch-französische Kapital gebunden, das die Geheimhaltung der Verträge fordert. Jeder aber, der Zeitungen liest und diese Dinge verfolgt, weiß, dass in diesen Verträgen davon die Rede ist, dass China von Japan, Persien, Armenien, die Türkei (insbesondere Konstantinopel) und Galizien von Russland, Albanien von Italien, die Türkei und die deutschen Kolonien usw. von Frankreich und England geraubt werden sollen.

So liegen die Dinge.

Deshalb ist ein an die Regierung Gutschkow-Miljukow gerichteter Vorschlag, sie möge baldigst einen ehrlichen, demokratischen, gut-nachbarlichen Frieden abschließen, von demselben Wert, wie der Vorschlag eines gutherzigen Dorfpopen an die Grundbesitzer und Kaufleute, sie mögen „nach Gottes Gebot“ leben, ihre Nächsten lieben und die rechte Backe zum Schlag darbieten, wenn man sie auf die linke geschlagen hat. Die Grundbesitzer und Kaufleute hören sich die Predigt an, fahren fort, das Volk zu unterdrücken und auszurauben, und sind davon entzückt, wie gut es das Pfäfflein versteht, die „Bäuerlein“ zu trösten und zu beruhigen.

Genau dieselbe Rolle spielen – ganz gleich, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht – alle, die sich während des gegenwärtigen imperialistischen Krieges an die bürgerlichen Regierungen mit gutgemeinten Friedensreden wenden. Die bürgerlichen Regierungen weigern sich manchmal überhaupt, solche Reden anzuhören, oder verbieten sie sogar; manchmal gestatten sie solche Reden; sie teilen dann nach links und rechts Versprechungen aus und erklären, dass sie ja den Krieg nur führen zu dem Zweck, möglichst schnell „den allergerechtesten Frieden“ zu schließen, schuld an der Fortsetzung des Krieges sei nur der Feind. Das Gerede über den Frieden, das sich an die bürgerlichen Regierungen wendet, ist in Wirklichkeit nur Volksbetrug.

Die Kapitalistengruppen, die um der Aufteilung von Ländern, Märkten, Konzessionen willen die Erde mit Blut überschwemmt haben, können keinen „ehrenvollen“ Frieden schließen. Sie können nur einen Schandfrieden schließen, einen Frieden, der die Teilung der Beute, die Aufteilung der Türkei und der Kolonien, vorsieht.

Abgesehen davon, ist die Regierung Gutschkow-Miljukow gegenwärtig überhaupt nicht bereit, Frieden zu schließen, weil sie zur Zeit aus der „Beute“ „nur“ Armenien und einen Teil Galiziens erhalten würde; sie will aber außerdem Konstantinopel rauben und dazu noch von den Deutschen Polen zurückerobern, das der Zarismus so unmenschlich und schamlos unterdrückte. Außerdem ist die Regierung Gutschkow-Miljukow eigentlich weiter nichts als ein Kommis des englisch-französischen Kapitals, das die Deutschland entrissenen Kolonien behalten und darüber hinaus Deutschland zwingen will, Belgien und das besetzte Frankreich zurückzugeben. Das englisch-französische Kapital hat den Gutschkow und Miljukow geholfen, Nikolaus II. abzusetzen, damit sie dem englisch-französischen Kapital helfen, Deutschland zu „besiegen“.

Was muss also geschehen?

Um den Frieden (und erst recht einen wirklich demokratischen, wirklich ehrenvollen Frieden) zu erreichen, ist erforderlich, dass nicht die Grundherren und Kapitalisten, sondern die Arbeiter und die armen Bauern die Macht im Staate haben. Die Grundherren und Kapitalisten sind eine kleine Minderheit der Bevölkerung; jedermann weiß, dass die Kapitalisten ungeheure Kriegsgewinne machen.

Die Arbeiter und armen Bauern sind die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung. Sie machen keine Kriegsgewinne, ihr Los ist der Ruin und der Hunger. Sie sind weder an das Kapital noch an die Verträge der räuberischen Kapitalistengruppen gebunden; sie können dem Kriege ein Ende machen und sie haben den ehrlichen Willen dazu.

Wenn in Russland die Räte der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten die Staatsmacht inne hätten, dann hätten diese Räte und der von ihnen gewählte Allrussische Rat die Möglichkeit – und sie wären sicher bereit dazu – das Friedensprogramm zu verwirklichen, das unsere Partei (die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) bereits am 13. Oktober 1915 in Nr. 47 ihres Zentralorgans, dem „Sozialdemokrat“ (der damals infolge des Druckes der zaristischen Zensur in Genf erschien), umrissen hat.

Dieses Friedensprogramm würde sicher folgendermaßen aussehen:

1. Der Allrussische Rat der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten (oder der ihn provisorisch ersetzende Petersburger Rat) würde unverzüglich erklären, dass er durch keinerlei Verträge, weder der Zarenmonarchie noch der bürgerlichen Regierungen, gebunden ist.

2. Er würde alle diese Verträge unverzüglich veröffentlichen, um die räuberischen Ziele der Zarenmonarchie und (ausnahmslos) aller bürgerlichen Regierungen öffentlich zu brandmarken.

3. Er würde unverzüglich und öffentlich allen kriegführenden Mächten vorschlagen, einen sofortigen Waffenstillstand abzuschließen.

4. Er würde unsere Friedensbedingungen, d. h. die Friedensbedingungen der Arbeiter und Bauern, unverzüglich zur Kenntnis des gesamten Volkes bringen; diese Bedingungen sind:

Befreiung aller Kolonien;

Befreiung aller abhängigen, unterdrückten und nicht gleichberechtigten Völker.

5. Er würde erklären, dass er von den bürgerlichen Regierungen nichts Gutes erwartet und den Arbeitern aller Länder vorschlägt, die bürgerlichen Regierungen zu stürzen und alle Macht im Staate den Räten der Arbeiterdeputierten zu übergeben.

6. Er würde erklären, dass die Herren Kapitalisten die Milliardenschulden, die die bürgerlichen Regierungen gemacht haben, um diesen verbrecherischen Raubkrieg zu führen, selbst bezahlen können, und dass die Arbeiter und Bauern diese Schulden nicht anerkennen. Die Zinsen für diese Schulden zu zahlen würde bedeuten, den Kapitalisten auf Jahre hinaus Tribut dafür zu zahlen, dass sie den Arbeitern gnädigst erlaubt haben, sich gegenseitig zu morden, damit die Kapitalisten ihre Beute teilen.

Arbeiter und Bauern! – so würde der Rat der Arbeiterdeputierten sagen, – seid ihr bereit, den Herren Kapitalisten jährlich Hunderte von Millionen Rubel als Belohnung für den Krieg zu zahlen, der um die Teilung der afrikanischen Kolonien, der Türkei usw. geführt wurde?

Für diese Friedensbedingungen würde meiner Meinung nach der Rat der Arbeiterdeputierten bereit sein, gegen jede beliebige bürgerliche Regierung und gegen alle bürgerlichen Regierungen der Welt Krieg zu führen, weil das ein wirklich gerechter Krieg wäre, weil alle Arbeiter und die Werktätigen aller Länder zu seiner siegreichen Beendigung beitragen würden.

Der deutsche Arbeiter sieht jetzt, dass die kriegerische Monarchie in Russland von einer kriegerischen Republik abgelöst wird, einer Republik der Kapitalisten, die den imperialistischen Krieg fortsetzen wollen, die die Raubverträge der Zarenmonarchie bestätigen.

Urteilt selbst, kann der deutsche Arbeiter einer solchen Republik Vertrauen entgegenbringen?

Urteilt selbst, wird der Krieg weitergehen können, wird die Herrschaft der Kapitalisten in der Welt sich behaupten können, wenn das russische Volk, dem die lebendigen Erinnerungen der großen Revolution des Jahres 1905 geholfen haben und helfen, die volle Freiheit erringt und alle Macht im Staate den Räten der Arbeiter- und Bauerndeputierten übergibt?

Zürich, den 12. (25.) März 1917

N. Lenin

Fünfter Brief: Die Aufgaben der revolutionären proletarischen Staatsordnung

In den früheren Briefen wurden die gegenwärtigen Aufgaben des revolutionären Proletariats in Russland folgendermaßen skizziert: das Proletariat muss (1) den sichersten Weg zur nächsten Etappe der Revolution bzw. zur zweiten Revolution finden, die (2) die Staatsmacht den Händen der Großgrundbesitzer- und Kapitalistenregierung (der Gutschkow, Lwow, Miljukow, Kerenski) entreißen und sie der Regierung der Arbeiter und der armen Bauern übergeben wird. Diese muss (3) nach dem Muster der Arbeiter- und Bauerndeputiertenräte organisiert werden, nämlich (4) die alte, für alle bürgerlichen Staaten charakteristische Staatsmaschine, die Armee, die Polizei, die Bürokratie (das Beamtentum) zerschlagen und völlig beseitigen, indem sie (5) diese Maschine durch eine Organisation des bewaffneten Volkes ersetzt, die nicht nur große Massen, sondern durchweg das gesamte Volk umfasst. (6) Nur eine solche Regierung, eine „solche“ ihrer Klassenzusammensetzung („revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“) und ihren Verwaltungsorganen („proletarische Miliz“) nach, ist imstande, die außerordentlich schwierige, unaufschiebbare, dringende und wichtigste Aufgabe der Gegenwart erfolgreich zu lösen, nämlich den Frieden herbeizuführen, und zwar keinen imperialistischen Frieden, keine Abmachung imperialistischer Mächte über die Teilung der von den Kapitalisten und ihren Regierungen geraubten Beute, sondern einen wirklich dauerhaften demokratischen Frieden, der ohne die proletarische Revolution in einer Reihe von Ländern nicht erreicht werden kann. (7) In Russland ist der Sieg des Proletariats in der allernächsten Zeit nur unter der Bedingung zu verwirklichen, dass sein erster Schritt sein wird die Unterstützung der gewaltigen Mehrheit der Bauernschaft in ihrem Kampfe um die Enteignung des gesamten gutsherrlichen Grundbesitzes (und um die Nationalisierung des gesamten Bodens, wenn man annimmt, dass das Agrarprogramm der „104″19 seinem Wesen nach das Agrarprogramm der Bauernschaft geblieben ist). (8) Im Zusammenhang und auf der Grundlage einer solchen Bauernrevolution kann und muss das Proletariat im Bunde mit dem ärmsten Teil der Bauernschaft weitere Schritte unternehmen, die auf die Kontrolle der Produktion und der Verteilung der wichtigsten Produkte, auf die Einführung der „allgemeinen Arbeitspflicht“ usw. gerichtet sind. Diese Schritte werden von den Verhältnissen, die der Krieg geschaffen hat und die sich in der Nachkriegszeit sogar in mancher Beziehung zuspitzen werden, mit gebieterischer Notwendigkeit vorgeschrieben; und in ihrer Gesamtheit und ihrer Entwicklung würden sie den Übergang zum Sozialismus bedeuten, der unmittelbar, mit einem Schlag, ohne Übergangsmaßnahmen in Russland nicht verwirklicht werden kann, aber als Ergebnis derartiger Übergangsmaßnahmen durchaus realisierbar und dringend notwendig ist. (9) Eine besonders dringende Aufgabe ist hierbei die sofortige Schaffung von besonderen Arbeiterdeputiertenräten auf dem Lande, d. h. von Räten der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter, die von den Räten der übrigen Bauerndeputierten getrennt sein müssen.

Das ist in kurzen Worten das von uns skizzierte Programm, das beruht auf einer Analyse der Klassenkräfte der russischen und der Weltrevolution, sowie auf den Erfahrungen von 1871 und 1905.

Versuchen wir jetzt, dieses Programm in seiner Gesamtheit allgemein zu charakterisieren; wir wollen dabei kurz darauf eingehen, wie K. Kautsky, der größte Theoretiker der „Zweiten“ (1889-1914) Internationale und prominenteste Vertreter der in allen Ländern auftretenden Richtung des zwischen den Sozialchauvinisten und den revolutionären Internationalisten hin und her pendelnden „Zentrums“, des „Sumpfes“, dieses Thema behandelt. Kautsky behandelte dieses Thema in seiner Zeitschrift, der „Neuen Zeit“ (in der Nummer vom 6. April 1917), in dem Artikel „Die Aussichten der russischen Revolution“.

„Vor allem – schreibt Kautsky – müssen wir uns klar werden über die Aufgaben, die einem revolutionären proletarischen Regime ,erstehen‘.“

„Zwei Dinge sind es – fährt der Autor fort –, die das Proletariat dringend braucht: Demokratie und Sozialismus.“

Diesen durchaus unbestrittenen Satz stellt Kautsky leider in einer viel zu allgemeinen Form auf, so dass er eigentlich nichts gibt und nichts aufklärt. Miljukow und Kerenski, Mitglieder einer bürgerlichen und imperialistischen Regierung, würden diesen allgemeinen Satz gern unterschreiben, der eine in seinem ersten, der andere in seinem zweiten Teil …20

1 Die „Briefe aus der Ferne“ wurden von Lenin in der Schweiz geschrieben. Nur der erste Brief, unter dem Titel: „Die erste Etappe der ersten Revolution“ wurde in den Nummern 14 und 15 der „Prawda“ veröffentlicht. Die übrigen vier Briefe wurden 1917 nicht veröffentlicht. Sie erschienen zum ersten Mal 1924 im „Lenin-Sammelbuch“ Nr. 2 (russisch). Den fünften Brief („Die Aufgaben der revolutionären proletarischen Staatsordnung“) schrieb Lenin am 8. April, am Tage seiner Abreise aus der Schweiz. Dieser Brief ist unvollendet geblieben.

2 Manifest des außerordentlichen sozialistischen Kongresses in Basel (24. und 25. November 1912). Der Kongress wurde aus Anlass des Balkankrieges einberufen, der das Gleichgewicht der imperialistischen Staaten zerstörte und die Gefahr des Weltkrieges offenkundig machte. Auf dem Kongress stand ein einziger Tagesordnungspunkt zur Beratung: die Kriegsfrage, und es wurden revolutionäre Beschlüsse gefasst. Das einstimmig angenommene Manifest („Basler Manifest“) bestätigte die Resolutionen der Kongresse von Stuttgart und Kopenhagen über den Krieg und verpflichtete die sozialistischen Parteien aller Länder, mit allen Mitteln sich dem Ausbruch des Krieges zu widersetzen und, falls er dennoch ausbrechen sollte, ihm mit allen Kräften entgegenzuwirken. – Als knapp zwei Jahre später der vom Basler Kongress vorausgesagte imperialistische Krieg wirklich ausbrach, da vergaßen die Führer der II. Internationale diese Beschlüsse, und die offiziellen sozialdemokratischen Parteien, mit Ausnahme der russischen, italienischen, bulgarischen und serbischen, unterstützten den Krieg und die eigene Bourgeoisie.

3 Gewisse politische Kreise in Petrograd bereiteten im Januar und Februar 1917 die Absetzung Nikolaus II. und die Regentschaft Michaels vor. Die Ermordung des allmächtigen Günstlings der Zarenfamilie, Grigorij Rasputins, durch Purischkewitsch, den bekannten Führer der Schwarzen Hundert, und den Fürsten Jussupow, einen Verwandten des Zarenhauses (an der Ermordung war auch der damalige Großfürst Dimitri Pawlowitsch beteiligt) im Dezember 1916 führte nicht zu der von den Tätern erwarteten „Gesundung“ der obersten Staatsgewalt und zur Beseitigung des Einflusses der Kreise, die der anglophilen Kriegspartei gefährlich waren. Deshalb tauchte der Plan auf, Nikolaus II. durch eine Palastrevolution zu beseitigen und den minderjährigen Thronfolger Alexej unter der Regentschaft Michael Romanows auf den Thron zu setzen. An der Verschwörung nahmen anscheinend einige Abgeordnete der Reichsduma vom Progressiven Block (der während des Krieges entstanden war und die Parteien der Kadetten, der Progressisten, der Oktobristen und einen Teil der Rechten umfasste), einige Generale und andere Personen (wie z. B. Tereschtschenko, der spätere Finanz- und dann Außenminister der Provisorischen Regierung) teil. Als Premierminister sollte der Fürst G. E. Lwow, der spätere Premierminister der Provisorischen Regierung, fungieren. Von diesen Plänen war der englische Botschafter Sir Buchanan wohlunterrichtet, möglicherweise auch andere Gesandte der Entente (wie z.B. der französische Botschafter Paleologue). Allem Anschein nach war die erste Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution gebildet wurde, nichts anderes als jenes „Kabinett des öffentlichen Vertrauens“, das die Teilnehmer der Verschwörung im Falle ihres Gelingens planten. Diese Tatsachen waren im Jahre 1917 unbekannt; erst Veröffentlichungen der letzten Jahre enthalten direkte Hinweise auf das Bestehen dieser Verschwörung, ohne jedoch ihre Einzelheiten und ihre Teilnehmer aufzudecken. Miljukow stellt im ersten Band seiner Geschichte der russischen Revolution die Behauptung auf die Februarrevolution, seiner Ansicht nach das Werk deutscher Agenten die den patriotischen Umsturz hintertreiben wollten, habe es verhindert, dass der Plan der Verschwörer ausgeführt wurde.

Lenin konnte damals, als er in der Schweiz seinen ersten „Brief aus ^der Ferne“ schrieb, nicht über die Verschwörung einiger Gruppen der russischen Bourgeoisie und der englisch-französischen Imperialisten unterrichtet sein Auf Grund einer Analyse des Klassenkampfes in Russland und des Einflusses des englisch-französischen Kapitals gelangte er nichtsdestoweniger zu richtigen Schlüssen.

4 Der Provisorische Vollzugsausschuss der Reichsduma wurde am 12. März (27 Februar) 1917 um Mitternacht gebildet und bestand aus folgenden Personen: M. W. Rodsjanko, A. F. Kerenski, N. S. Tschcheïdse, W. W. Schulgin, P N Miljukow M. A. Karaulow, A. I. Konowalow, I. I. Dmitrjukow, W. A. Rschewski, S. I. Schidlowski, N. W. Nekrassow, W. N. Lwow und A. A. Bublikow

5 Der Reichsrat war eine Art erste Kammer neben der Reichsduma und bestand zum Teil aus gewählten Vertretern des Adels, der Geistlichkeit der Handelskammern, Universitäten usw., zum Teil aus vom Zaren ernannten Mitgliedern.

6 Die Allrussische Konferenz der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands im Januar 1912 fand in Prag statt. Es waren auf ihr fast ausschließlich Bolschewiki vertreten (unter den Delegierten gab es nur zwei bis drei Anhänger Plechanows). Diese Konferenz war von großer historischer Bedeutung Sie vollzog den formellen Bruch mit den Menschewiki, schloss die Liquidatoren aus der Partei aus, stellte faktisch die revolutionäre Partei des Proletariats wieder her, indem sie alle in Russland tätigen sozialdemokratischen Organisationen zusammenfasste und ein neues (bolschewistisches) Zentralkomitee schuf. Daher nannten die Bolschewiki auch ihre Partei in der Folge Sozialdemokratische Partei des Zentralkomitees.

7 Partei der Volkssozialisten – ein Parteigebilde, das zwischen den Kadetten (Konstitutionelle Demokraten; aus den Anfangsbuchstaben KD entstand die Bezeichnung „Kadetten“; sie nannten sich auch „Partei der Volksfreiheit“) und den Sozialrevolutionären stand, aber ohne Einfluss auf die Massen war. Die Partei der Volkssozialisten entstand durch Abspaltung von den Sozialrevolutionären im Jahre 1906. Der führende Kern der Volkssozialisten waren Pjeschechonow, Mjakotin, Annenski und andere Literaten die sich um die Zeitschrift „Russkoje Bogatstwo“ („Russischer Reichtum ) gruppierten.

8 Okisten – d. h. Anhänger des Organisationskomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, des leitenden Organs der Menschewiki, das auf der „August“konferenz 1912 geschaffen wurde und bis zur Wahl des ZK der Menschewistischen Partei im Jahre 1917 funktionierte.

9 Sozialdemokratische Partei des Zentralkomitees – d. h. die Partei der Bolschewiki

10 Trudowiki – Arbeitsfraktion (man kann das Wort auch mit „Fraktion der Werktätigen“ wiedergeben); bildete sich als Parlamentsfraktion 1906 in der ersten Reichsduma. Der Fraktion schlössen sich an die volkstümlerisch gestimmten Intellektuellen, die Volkssozialisten und die revolutionär gestimmten Bauernabgeordneten. Die Fraktion der Trudowiki bestand in allen vier Dumas. Die vereinzelten Abgeordneten der Sozialrevolutionäre, die in der dritten und vierten Reichsduma keine eigene Fraktion zustande bringen konnten, schlössen sich ebenfalls der Fraktion der Trudowiki an, indem sie restlos in ihr aufgingen (Kerenski war der Führer der Trudowiki in der vierten Duma). Die Stellung der Trudowiki zum Krieg, übrigens im allgemeinen eine äußerst unklare und verschwommene, war im wesentlichen sozialpatriotisch, teilweise sogar ausgesprochen chauvinistisch.

11 „Nascha Sarja“ („Unsere Morgenröte“) – eine in den Jahren 1910 bis 1914 in Petersburg von den menschewistischen Liquidatoren herausgegebene Zeitschrift. Die Fortsetzung der „Nascha Sarja“ war in den Kriegsjahren die Zeitschrift „Nasche Djelo“ und später „Djelo“.

12 Die vierte Duma wurde 1912 gewählt und folgendermaßen zusammengesetzt: 152 Rechte, 120 Oktobristen, 44 Progressisten, 58 Kadetten, 21 Abgeordnete verschiedener nationaler Gruppen, 10 Trudowiki, 13 Sozialdemokraten (darunter 6 Bolschewiki und 7 Menschewiki).

13 Die Bildung der Provisorischen Regierung und die Formulierung ihres Programms erfolgte auf Grund einer Vereinbarung, die am 1. (14.) März zwischen dem Exekutivkomitee des Petrograder Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten und dem Provisorischen Vollzugsausschuss der Reichsduma getroffen wurde. Der Petersburger Rat überließ dem Vollzugsausschuss der Reichsduma die Bildung der Provisorischen Regierung und bestand auf der Anerkennung eines bestimmten Programms, dessen wichtigste Punkte für ihn das Verbot der Entfernung der revolutionären Truppen aus Petrograd und die Einberufung der Konstituante waren.

14 Das Exekutivkomitee des Petrograder Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten erließ am 18. (5.) März an die Bevölkerung einen Aufruf zur Unterstützung der Provisorischen Regierung. Darin hieß es: „Die neue aus gesellschaftlich-gemäßigten Schichten der Gesellschaft gebildete Staatsmacht hat heute alle die Reformen angekündigt, zu deren Durchführung noch im Prozess des Kampfes mit dem alten Regime und teilweise nach Beendigung dieses Kampfes sie sich verpflichtet. Einige dieser Reformen müssen von breiten Kreisen der Demokratie begrüßt werden: politische Amnestie, die Verpflichtung zur Vorbereitung der Einberufung der Konstituante, die Verwirklichung der bürgerlichen Freiheiten und die Aufhebung der nationalen Beschränkungen … Der volle Sieg des russischen Volkes über das alte Regime naht heran, es sind aber noch große Anstrengungen, Geschlossenheit und Festigkeit erforderlich, damit dieser Sieg erreicht werde. Uneinigkeit und Anarchie dürfen nicht zugelassen werden … Noch ist die Gefahr einer militärischen Aktion gegen die Revolution nicht beseitigt. Um diese Gefahr zu verhüten, ist es äußerst wichtig, dass Offiziere und Soldaten einmütig zusammenarbeiten.“

15 Die sogenannte „Kontaktkommission“ des Petrograder Arbeiter- und Soldatendeputiertenrates wurde gebildet, um die Beziehungen zur Provisorischen Regierung aufrechtzuerhalten, und um diese zu kontrollieren. Ihr gehörten an: Skobelew, Steklow, Suchanow, Tschcheïdse und der Offizier Filippowski (ein Sozialrevolutionär). Die Kontaktkommission erwies sich als totgeborenes Kind, ihre Tätigkeit beschränkte sich darauf, dass sie von Zeit zu Zeit versuchte, die Provisorische Regierung zu „überreden“. In seinen weiteren Artikeln, nachdem Lenin genauere Informationen erhalten hatte, behandelt er die „Kontaktkommission“ ironisch als Musterbeispiel der kleinbürgerlichen Arbeitsgemeinschaftspolitik.

16 Das Manifest der Bolschewiki „An alle Bürger Russlands“, das vom Zentralkomitee und vom Petersburger Komitee der Partei unterzeichnet war, erschien am 11. März (26. Februar) 1917 als Flugblatt in Petrograd, als der Straßenkampf noch andauerte. Als Ziel der Revolution bezeichnete das Manifest die Schaffung einer demokratischen Republik. Es forderte von der künftigen provisorischen Regierung: gesetzgeberische Sicherstellung aller Rechte und Freiheiten des Volkes, Konfiskation des Landbesitzes der Klöster, der Großgrundbesitzer, der Krone und des Staates und seine Übergabe an das Volk, die Einführung des Achtstundentages und die Einberufung der Konstituante. „Es ist eine unaufschiebbare Aufgabe der Provisorischen Regierung – so hieß es in dem Aufruf –, sofort Beziehungen zu den Proletariern der kriegführenden Länder anzuknüpfen, um den revolutionären Kampf aller Länder gegen ihre Unterdrücker, gegen die monarchistischen Regierungen, gegen die kapitalistischen Cliquen und für die sofortige Beendigung des blutigen Massenmordens, das den versklavten Völkern aufgezwungen worden ist, zu führen.“ Gleichzeitig forderte das Manifest zur Wahl von Delegierten in den Arbeiter- und Soldatenrat auf und betonte die Notwendigkeit einer Verbindung zwischen dem russischen und dem westeuropäischen Proletariat.

* Auf dem Lande wird jetzt der Kampf um die Klein- und teilweise auch um die Mittelbauern entbrennen. Die Großgrundbesitzer werden sie, gestützt auf die wohlhabenden Bauern, der Bourgeoisie unterordnen wollen. Wir müssen, gestützt auf die landwirtschaftlichen Lohnarbeiter und die armen Bauern, auf ein enges Bündnis zwischen diesen Klein- und Mittelbauern und dem Proletariat hinarbeiten.

** In einem der nächsten Briefe oder in einem besonderen Artikel will ich diese Analyse, die insbesondere in dem „Bürgerkrieg in Frankreich“ von Marx und in der Vorrede von Engels zur dritten Auflage dieser Schrift, ferner in den Briefen von Marx vom 12. April 1871 und von Engels vom 18.–28. März 1875 dargelegt ist, ausführlich behandeln; ebenso will ich noch auf die vollständige Entstellung des Marxismus durch Kautsky eingehen, die er sich 1912 in seiner Polemik gegen Pannekoek in der Frage der sogenannten „Zerstörung des Staates“ geleistet hat. [Dieses Vorhaben Lenins kam erst ein paar Monate später zur Ausführung, und zwar in seiner grundlegenden Schrift: „Staat und Revolution“ (geschrieben August-September 1917). Siehe insbesondere das Kapitel VI, wo u. a. auch die Polemik zwischen Kautsky und Pannekoek einer Analyse unterzogen wird.]

17 „Ljetopis“ („Chronik“) – eine vom Dezember 1915 bis Ende 1917 in Petersburg erschienene, von Maxim Gorki geleitete marxistische Zeitschrift internationalistischer Richtung. Mitarbeiter der Zeitung waren N. Suchanow, W. Basarow, A. Bogdanow u. a.

18 Das Telegramm des Außenministers Miljukow vom 5. (18.) März 1917, das an die Vertreter Russlands bei den ausländischen Regierungen gerichtet war, wurde von der „Rjetsch“, dem Organ der Kadetten, folgendermaßen wiedergegeben: „… Die Umwälzung hat in allen Gegenden Russlands Zustimmung gefunden, denn das gestürzte Regime wurde überall gehasst und verachtet. Es fanden sich keine Verteidiger des alten Regimes und die Errichtung der neuen Ordnung sowie die Bildung der neuen Regierung erfolgte unter voller Einmütigkeit aller Klassen der Bevölkerung, der Armee und der Front“ In dem Telegramm wird die Überzeugung ausgesprochen, dass sowohl die neue Regierung als auch ganz Russland in voller Einmütigkeit und in vollem Einvernehmen mit seinen glorreichen Verbündeten handeln werden.

19 Das Agrarprogramm der 104 – Gesetzentwurf, der von 104 Abgeordneten der Trudowikifraktion, meist Bauern, in der zweiten Reichsduma eingebracht wurde. Der Gesetzentwurf forderte die Nationalisierung des Grund und Bodens.

20 Hier bricht das Manuskript ab. Die Red.